LEBEN AUF KLEINEM FUSS
Wer zu den Eichenbergs will, muss durchs Grüne. Der Weg zu ihrer Haustür führt durch ihren mehr als 2.500 Quadratmeter großen Garten. „Hallo, hier oben wohnen wir!“, ruft Toni Eichenberg und winkt dem Besuch von der Dachterrasse aus zu. Corinna Altenburg, Mitarbeiterin des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), ist nach Berlin-Karow gekommen, um mit der vierköpfigen Familie auf Spurensuche zu gehen. Gemeinsam wollen sie nach CO2-Verursachern im Haushalt fahnden.
Der große Garten der Eichenbergs bietet viel Platz zum Erkunden, Spielen und Planschen
Seit 2004 leben Toni und Angelika Eichenberg mit ihren Kindern Lukas (9) und Milena (5) im Dachgeschoss des mehr als 100 Jahre alten Hauses. „Gedanken über das Energiesparen machen wir uns schon lange. Besonders intensiv haben wir uns mit dem Thema auseinandergesetzt, als wir vor fünf Jahren das Dach ausgebaut haben und dabei unsere Heizung modernisieren wollten. Aber mit der Frage, wie viel CO2 unsere Familie produziert, haben wir uns bisher eigentlich nicht systematisch beschäftigt“, erzählt der 34-jährige Berater für Medizinprodukte.
So wie den Eichenbergs geht es vielen. Dass Industrie und Verkehr für hohe Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich sind, ist längst kein Geheimnis mehr. Doch wer kennt schon seinen persönlichen CO2-Fußabdruck? Dabei gibt es mittlerweile konkrete Angaben, welche Mengen des klimaschädigenden Gases jeder Einzelne im Jahr verursacht: Elf Tonnen CO2 – so hoch ist im Durchschnitt der jährliche Pro-Kopf-Ausstoß in Deutschland. Das ist entschieden zu viel. Klimaforscher haben errechnet: Damit sich die Erde bis zum Jahr 2100 nach den heutigen Prognosen nur noch um maximal weitere zwei Grad erwärmt, darf der CO2-Verbrauch pro Kopf und Jahr langfristig nur zwei Tonnen betragen. Neun Tonnen Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit verdeutlichen die große Kluft zwischen Ist und Soll. Was aber kann eine Familie wie die Eichenbergs konkret tun, um diese Lücke zu schließen?
CO2-Abdruck – was ist das?
Der CO2-Fußabdruck ist ein Bild für alle Treibhausgas-Emissionen, die durch die Herstellung, den Transport, die Nutzung und Entsorgung von Produkten und Dienstleistungen anfallen. Er lässt sich für einzelne Personen und Haushalte, Städte oder Staaten, aber auch für Produkte und Dienstleistungen (Product Carbon Footprint) berechnen. Wird der CO2-Fußabdruck für Haushalte ermittelt, sollte er die gesamten Emissionen des Haushaltskonsums – also auch vor- und nachgelagerte Herstellungsstufen von genutzten Produkten – einbeziehen.
GUT FÜR KLIMA UND PORTEMONNAIE
„Einsparmöglichkeiten beim Energieverbrauch und somit bei den CO2-Emissionen im eigenen Zuhause gibt es viele“, sagt Corinna Altenburg. „Bei der Heizung und beim Warmwasserverbrauch anzufangen, ist eine gute Idee. Denn eine Hauptquelle für Treibhausgase, insbesondere Kohlendioxid, ist die Erzeugung von Energie aus fossilen Ressourcen. Jeder Haushalt in Deutschland verursacht jährlich rund 2,5 Tonnen CO2, nur um die eigenen vier Wände zu heizen und warmes Wasser aufzubereiten. Vor allem veraltete Technik setzt hier große Mengen des Treibhausgases frei.“ Die Investition in eine moderne Heizanlage lohnt sich aber nicht nur mit Blick auf den Klimaschutz. „Wir hatten früher eine alte Heizung – entsprechend hoch war unsere Jahresabrechnung“, erinnert sich Toni Eichenberg. „Dank unserer modernen Gas-Brennwertheizung und einem Warmwasserspeicher für 100 Liter konnten wir unsere Energiekosten deutlich senken – immerhin um 30 Prozent.“ 
Einmal im Monat kontrolliert der 34-Jährige jetzt den Gaszähler, um den Verbrauch laufend im Blick zu behalten. Das ganze Jahr auf Sparflamme zu leben, kommt für ihn und seine Familie aber nicht infrage: „Wir möchten nicht frieren, nur um Heizkosten zu sparen. Ein gutes Raumklima muss einfach drin sein“, sagt Toni Eichenberg. Ähnlich halten er und seine Frau es auch in puncto Warmwasserverbrauch: „Unsere Milena badet gerne, und das darf sie natürlich auch“, erzählt Angelika Eichenberg. „Aber natürlich braucht die Wanne für sie nicht ganz voll zu sein.“ Die fünfjährige Wasserratte kommt bequem auch mit einer halben Füllung aus. „Wir anderen duschen ohnehin lieber“, ergänzt ihr Mann.
Die gute Nachricht für Familie Eichenberg und alle anderen, die in ihrem Zuhause mehr für die Umwelt tun möchten: Wer seinen CO2-Fußabdruck verkleinern will, muss deshalb nicht gleich spartanisch leben. „Manchmal erzielt schon ein kleiner Handgriff eine große Wirkung“, sagt Corinna Altenburg. „Wer beim Zähneputzen den Wasserhahn zudreht, kann bereits drei Kilogramm CO2 pro Jahr sparen.“ Auch der fußballbegeisterte Lukas kennt einen Trick: „Wenn ich nach dem Training dusche, schalte ich beim Einseifen einfach das Wasser ab“, erklärt der neunjährige bekennende Bayern-Fan. Corinna Altenburg hat noch einen weiteren Tipp fürs Bad: „Wechseln Sie einfach Ihren herkömmlichen Duschkopf gegen einen Niedrigdruck-Brausekopf aus.“ Der Clou: Unter der Dusche spürt man keinen Unterschied, beim Fußabdruck schon: 230 Kilogramm Kohlendioxid lassen sich auf diese Weise pro Jahr einsparen.
Corinna Altenburg ist seit Januar 2009 Doktorandin
am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Im Rahmen eines europäischen Forschungsprojekts beschäftigt sie sich mit der Frage, wie sich Energieverbrauch und -nachfrage in Privathaushalten reduzieren lassen. Zuvor studierte Altenburg Umweltmanagement an der Freien Universität Berlin. In dieser Zeit engagierte sie sich für zahlreiche Projekte: Unter anderem setzte sie sich für einen nachhaltigen Tourismus in der Mongolei ein.
INVESTITIONEN FÜR DIE UMWELT
„Wir würden gerne auch in anderen Bereichen noch mehr tun. Aber alle Anschaffungen müssen natürlich in unseren Kostenrahmen passen“, gibt Toni Eichenberg zu bedenken. Und der ist bei einer vierköpfigen Familie nun mal begrenzt. Trotzdem ist es für die Eichenbergs selbstverständlich, dass Umweltverträglichkeit bei allen notwendigen Investitionen ein wichtiges Entscheidungskriterium ist. Das zeigt ein Blick in die Küche. Dort stehen ausschließlich Geräte der höchsten Energieeffizienzklasse – angefangen vom Elektroherd bis hin zum Geschirrspüler. „Wir haben uns gesagt: So schnell möchten wir uns keine neue Küche mehr kaufen, da investieren wir langfristig in energiesparende Haushaltsgeräte“, erklärt Angelika Eichenberg.
Wer seinen persönlichen CO2-Fußabdruck auf einem der Rechner im Internet erstellt, erkennt schnell: Das klimaschädliche Gas entsteht nicht nur beim Heizen oder durch Stromverbrauch. Für einen Großteil der individuellen Treibhausgas-Bilanz sind die Ernährung und der Gebrauch von Alltagsprodukten wie Shampoo oder Waschmittel verantwortlich. „Dies sind Bereiche, die jeder durch bewusstes Einkaufen und aufgeklärte Nutzung beeinflussen kann“, sagt Corinna Altenburg. Klingt einfach, ist es aber nicht unbedingt. Denn Verbraucher haben beim Einkauf in der Regel weniger den Klimaschutz, sondern vor allem die Preise im Blick. Zudem ist es schwer, langjährige Konsumgewohnheiten kurzfristig zu ändern. 
Familie Eichenberg hat diesbezüglich eine ganz pragmatische Einstellung: „Wir legen großen Wert auf eine ausgewogene Ernährung. Gleichzeitig muss aber das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen. Ausschließlich Bioprodukte zu kaufen, könnten wir uns nicht leisten“, sagt Toni Eichenberg. „Und außerdem mögen Lukas und Milena bestimmte Produkte halt besonders gerne.“ Mortadella, Tiefkühlpizza und Dosenmais finden sich daher ebenso im Warenkorb der Familie wie Obst und Gemüse von den Bauern aus der Umgebung. „Produkte wie etwa Äpfel, Kartoffeln oder Möhren aus regionalem Anbau zu beziehen, ist ein wichtiger Schritt, um den CO2-Fußabdruck zu verkleinern“, erklärt Corinna Altenburg. „Denn wenn Waren von ihrem Ernte- oder Produktionsort weite Strecken bis in den Supermarkt zurücklegen müssen, verbraucht das viel Energie und schadet somit der Klimabilanz.“ Die Expertin rät außerdem, verstärkt saisonale Produkte zu verwenden – etwa Rosenkohl im Winter oder Erdbeeren im Frühsommer. Auch auf diese Weise werden weite Transportwege und lange Zeiten in Kühlhäusern vermieden. So hat beispielsweise ein Kilogramm Tomaten während der Saison eine CO2-Bilanz von 0,35 Kilogramm. Außerhalb der Saison ist der spezifische Fußabdruck der Frucht neunmal so hoch.
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