TAGEBUCH AUS BURUNDI
Entwicklungsgsarbeit hautnah erleben
Diesen Traum erfüllt das Projekt „weltwärts“ des Bundes- ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Freiwillige können sich in Afrika, Asien, Südamerika oder Osteuropa engagieren. In den verschiedenen Regionen arbeitet die Initiative mit lokalen Partnerorganisationen zusammen. So kooperiert „weltwärts“ im afrikanischen Burundi mit dem gemeinnützigen Verein „Burundikids e.V.“. Die Partner ermöglichen burundischen Kindern und Jugendlichen die Schulbildung und sorgen für angemessene Unterkünfte vor Ort – wichtige Voraussetzungen für eine hoffnungsvolle Zukunft.
15.5.2009, DIE ZEIT ALLEIN
Seit letzter Woche Freitag bin ich die einzige Freiwillige im Kinderheim. Die anderen sind gerade in Ruanda und Tansania unterwegs. Natürlich finde ich es ein wenig schade, nach nur einer Woche hier schon ohne die anderen Freiwilligen allein zu sein. Aber es ist auch gut, mich selbstständig in Bujumbura orientieren zu müssen und eigene Erfahrungen zu machen. Ich bin selbst dafür verantwortlich, Projekte zu planen und umzusetzen. Beispielsweise mache ich mit meinen Schützlingen Akrobatik, was ich früher in meinem Kinderzirkus gelernt habe. Zuerst wärmen wir uns auf, stretchen ein wenig, wobei die Kinder noch nicht so richtig verstehen, warum wir nicht einfach anfangen. Anschließend machen wir verschiedene Übungen. Das Gleiche habe ich auch schon in Deutschland gemacht. Aber das Training läuft hier ganz anders ab: In Deutschland sind alle viel konzentrierter und ehrgeiziger. Die Kinder hier purzeln durcheinander, lachen und schreien. Wir haben viel Spaß zusammen. Davon abgesehen bin ich einfach nur für sie da, wenn sie etwas brauchen: verarzte kleine Verletzungen, spiele mit ihnen oder wir unterhalten uns. Die großen Mädchen waren zunächst sehr verschlossen. Mittlerweile kommen sie zu mir in die Küche auf einen Plausch. Ich finde es schön, dass schon nach einer guten Woche der Kontakt zu den Kindern immer vertrauter und intensiver wird. Das fühlt sich gut an und gibt mir Motivation für die nächsten Monate.
Nach und nach erfahre ich von den anderen Freiwilligen, Mitarbeiterinnen sowie von den Kindern selbst auch mehr über deren Lebensgeschichte. Was einige Kinder durchstehen mussten, ist für mich unvorstellbar. Einige wurden von ihren Eltern missbraucht und verstoßen, andere mussten den Tod ihrer Angehörigen mit ansehen. Das Leben auf der Straße ist hart: Die Kinder haben gebettelt oder gestohlen und bekamen die Aggression der Polizei zu spüren. Aber irgendwie gelingt es mir, damit umzugehen. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Menschen hier sich mit ihrem Schicksal arrangieren. Sie versuchen, das Beste daraus zu machen, lachen viel, verzagen nicht. Sie wollen ein „glückliches Leben“ führen. „Das Leben geht weiter“, so lautet ihr Mantra. Es muss. Hier kann keiner einfach in Therapie gehen und Geschehenes aufarbeiten.
19.5.2009, CHANELLA
Ich bin jetzt seit drei Wochen in Burundi, fühle mich wohl hier und denke, alle Kinder zu kennen. Aber heute habe ich eine schreckliche Erfahrung gemacht. Ich entdeckte ein Mädchen, das ich zuvor nie gesehen hatte. Und erzählt hatte mir von ihr auch niemand. Sie ist mehrfach behindert, kann weder laufen noch sprechen, hat Atemprobleme und ihr Körper ist durchgehend verkrampft. Genaue Diagnosen gibt es hier nicht. Den ganzen Tag ist sie in ihrem Zimmer. Noch nicht mal zum Essen wird sie rausgeholt. Als ich sie sah, lag sie alleine im Raum auf ihrer Matratze in ihren vollgepinkelten Hosen. Mein Herz hat sich zusammengezogen und ich war zunächst völlig sprachlos. Wie kann so etwas möglich sein? Ich habe mich zu ihr gesetzt: habe mit ihr gesprochen – auch wenn sie mich nicht versteht, ihre Hand gehalten und mit ihr gespielt. Als ich dann die anderen Kinder zur Rede stellte, erfuhr ich, dass das Mädchen Chanella heißt. Letitia ist für sie verantwortlich. Das 17-jährige Mädchen kam vor nicht allzu langer Zeit ins Centre Uranderera. Sie kümmert sich um zwei Kleinkinder, Pascal und Eric, und soll sich eigentlich auch Chanellas annehmen. Damit verdient sie etwas Geld. Ich habe mir eine von den großen Mädchen gesucht, die gut Französisch sprechen, damit ich mich mit Letitia unterhalten kann.
Letitia selbst geht nicht zur Schule und spricht auch kein Französisch. Zuerst habe ich gesagt, dass es mich sehr traurig macht, nicht von Chanella gewusst zu haben. Anschließend habe ich versucht zu erklären, wie wichtig es auch für Chanella ist, unter anderen Kindern zu sein, an die frische Luft zu kommen und Aufmerksamkeit zu spüren. Ich will Letitia keine Vorschriften machen, wünsche mir aber, dass sie mich versteht und von sich aus etwas ändert. Ich hoffe, dass sie sich das zu Herzen genommen hat und Chanella wieder mehr rauskommt. Ich werde ab jetzt auf jeden Fall immer mal wieder nach ihr sehen.
21.5.2009, MUTTER-KIND-HEIM
Die Arbeit im Mutter-Kind-Heim ist sehr viel schwieriger als die Arbeit mit den Waisen. Die Mädchen aus dem Heim sind zwischen 16 und 23 Jahre alt und fast alle sind ungewollt schwanger geworden. Teils wurden sie vergewaltigt, teils haben sie nicht verhütet. Ihre Familien haben sie verstoßen. Viele der Mädchen sind so sehr in ihrer täglichen Routine gefangen, dass es schwer ist, sie für neue Ideen zu gewinnen. Sie kochen, stillen ihre Babys, schauen nach ihren größeren Kindern und diskutieren auf Kirundi. Und ich sitze dabei, ohne etwas zu verstehen.
Es gibt vieles, was ich gerne ändern würde: Aber das schaffe ich nicht allein. Zum Beispiel vernachlässigen die jungen Frauen ihre Kinder. Die Babys tragen sie zwar auf dem Rücken, aber die größeren, das heißt die Zwei- bis Fünfjährigen, müssen sich hauptsächlich alleine beschäftigen. Die Mütter spielen und sprechen kaum mit ihnen, sie kommandieren die Kinder nur herum: Tu dies nicht, mach das so und so. Wenn ich versuche, mit den Mädchen über Erziehung zu sprechen, verteidigen sie sich: Deutschland sei ein entwickeltes Land und Burundi arm und dass man die Länder und die Menschen nicht vergleichen könne. Ich will die kulturellen Unterschiede ja nicht ignorieren. Mir ist es wichtig, die Frauen zum Nachdenken zu bringen. Es gibt zwar eine Heimleiterin im Centre. Sie muss sich jedoch vorrangig um alltägliche Dinge wie Einkauf, Sauberkeit und Hygiene kümmern. Es bleibt ihr kaum Zeit, sich intensiv mit den Erziehungsmethoden auseinanderzusetzen. Davon abgesehen hat sie keine entsprechende Ausbildung.
6.6.2009, TROMMELN UND ALKOHOL
Mittlerweile ist so etwas Ähnliches wie Routine in meinen Alltag gekommen. Dreimal pro Woche bin ich im Waisenheim, dienstags und donnerstags im Mutter-Kind-Heim und samstags gehe ich meistens nach Kanyosha in das Straßenkinderheim für Jungen. Die anderen Freiwilligen arbeiten hauptsächlich im Straßenkinderheim. Das kann ich gut verstehen. Viele der Jungs sprechen Französisch und sind jedes Mal wieder für neue Ideen offen und motiviert. In diesem Heim, dem „Centre Birashoboka“, gibt es eine Trommelgruppe, die gelegentlich auf Familienfesten auftritt. Heute war ich mit Ana (Name geändert), einer anderen Freiwilligen, im Centre und die Jungs luden uns ein, zu einer Hochzeit mitzukommen, auf der sie spielen sollten. Wir wurden von einem Pick-up abgeholt. Schon allein der Transport war ein Abenteuer. Zuerst wurden die riesigen Trommeln auf das Auto geladen und anschließend setzten sich die Jungs auf die Trommeln und wir uns zwischen sie. Vollgeladen fuhren wir los und die ersten Lieder wurden angestimmt. Die Einheimischen auf der Straße jubelten uns zu. Ein Pick-up mit Trommlern und zwei Muzungus, zwei Weißen: Das war für sie die Krönung. Als wir bei der Hochzeitsgesellschaft ankamen, war es ein Erlebnis, den Jungs zuzusehen. Sobald sie anfingen zu trommeln, waren sie wie in Trance und sie versprühten so viel Freude. In einer kurzen Spielpause boten die Gastgeber Bier an. Die Jungs nahmen gern an. Immer wieder wurde Nachschub gebracht. Ziemlich schnell waren einige angetrunken und die heitere Stimmung veränderte sich. Die Nachdenklichen unter ihnen wurden immer melancholischer, die leicht Aggressiven lauter und unangenehmer. Andere redeten einfach nur viel. Diese Mischung aus Emotionen war für uns ganz neu und ungewohnt.
Ana und ich bekamen mit, wie ein 13-Jähriger dabei heimlich Bier trank. Ana kennt ihn schon länger und erklärte ihm, dass Alkohol gefährlich sein könne. Sie wollte es anhand eines Beispiels verdeutlichen. Ihre Mutter, sagte sie, habe ein Alkoholproblem. Da nahm das Gespräch eine völlig unerwartete Wendung. Der kleine, eigentlich immer stark wirkende Junge fing plötzlich an zu weinen und sagte: „Wenigstens hast du eine Mutter, ich kenne noch nicht mal die Gesichter meiner Eltern.“ Von seinem Gefühlsausbruch war ich in dieser Situation überfordert und fühlte mich plötzlich ganz hilflos. Solche Momente gibt es immer wieder. So oft öffnen die Kinder uns die Augen dafür, dass Dinge, die wir in Deutschland als selbstverständlich wahrnehmen, hier etwas Besonderes sind. So bekommen diese Dinge auch für uns wieder mehr Bedeutung und Wertschätzung.
„So oft öffnen die Kinder uns die Augen dafür, dass Dinge, die wir in Deutschland als selbstverständlich wahrnehmen, hier etwas Besonderes sind.“
10.7.2009, AUSZUG DER KINDER AUS DEM CENTRE URANDERERA
Der letzte Monat war für uns alle sehr anstrengend und schwierig. Wir wussten, dass das Waisenheim aufgrund der wirtschaftlichen Situation in Burundi und gekürzter Mittel bald schließen muss oder zumindest viel kleiner werden wird. Die Kinder sollten in die Ferien zu Verwandten geschickt und einige von ihnen reintegriert werden. Für einige der älteren Mädchen werden Internatsplätze gesucht, da ein Internat hier in Burundi eine große Chance auf eine sehr gute Ausbildung bietet. Andere werden im Landesinneren bei Familienangehörigen wohnen, aber weiterhin mit Schulgeld versorgt. Seit fünf Tagen ist es nun so weit. Jeden Tag bringen wir einige Kinder zu den Bussen und verabschieden uns von ihnen. Die Kinder vergießen viele Tränen. Wir auch. Zum Abschied haben wir den Kindern frankierte Briefumschläge geschenkt, sodass sie uns schreiben können, wie es ihnen geht. Glücklicherweise haben wir auch ein neues Haus gefunden, in dem das Centre Uranderera weiter bestehen wird. Jedoch ist dieses viel kleiner, sodass nicht alle Kinder dort Platz finden. Erst heute wird mir bewusst, dass die Kinder jetzt wirklich weg sind. Und auch wenn ich viele von ihnen nach den Ferien noch einmal wiedersehen werde, wird es nur für eine kurze Zeit sein, weil dann mein Aufenthalt leider bald zu Ende sein wird.
LINKS ZUM THEMA
www.weltwaerts.de
www.fondation-stamm.org
www.burundikids.org

