FAMILIE MARTY SUCHT DAS GLüCK
Lilafarbenes, ärmelloses T-Shirt, kurze blaue Sporthose, die Haut französisch sonnengebräunt. Ein ungewöhnliches Outfit für einen Winzer mit Schweizer Herkunft. „Ungewöhnlich“ und „etwas verrückt“ – das sind Formulierungen, die im Zusammenhang mit der Familie Marty häufiger vorkommen. Und genau damit beginnt die Geschichte. Denn das Ungewöhnliche ist hier auf dem Weingut zu Hause, einem Hochplateau über dem südfranzösischen Ort Lézignan-Corbières: Weinfelder, die Spalier stehen und bis zum Horizont reichen; Zypressen, die wie Kerzen Richtung Himmel ragen und den kleinen Gemüsegarten einfrieden; Lavendel, Rosmarin und Thymian, die einen Duft verströmen, den man so nirgendwo kaufen kann.
Mit 56 Jahren wurde Balz Marty arbeitslos. Damals waren die Töchter Alexandra 13, Franziska 15 und Chantal 16 Jahre alt. Als Informatiker weiterzuarbeiten, war für den Schweizer nicht mehr vorstellbar. „Mir war klar, dass ich bei einer neuen Anstellung wieder der Erste sein würde, der gehen müsste“, sagt der heute 66-Jährige. Auf langen Spaziergängen mit seiner Frau Irma entwickelte sich die Idee, ein Weingut zu kaufen und sich als Winzer zu versuchen. Die Gegend um Montpellier schien der richtige Ort für das Wagnis zu sein. Hier hatte die Familie schon so oft Urlaub gemacht, dass sie sich besser auskannte als so mancher Franzose. Das Ehepaar beriet sich mit den drei Töchtern. „Ohne ihre Zustimmung hätten wir das nicht gemacht“, sagt Balz Marty. Die waren stolz auf den Mut der Eltern und freuten sich auf das, was ein Abenteuer zu werden schien und ihnen eine gewisse Freiheit jenseits der Enge ihrer eidgenössischen Heimat versprach. „Die Entscheidung war eine Entscheidung der Familie“, sagt Balz Marty mit einer Ernsthaftigkeit, als hätte die Familie damals den Rütlischwur geleistet – mit allen Konsequenzen.
Weingut der Hoffnungen
Eine erste Konsequenz beispielsweise war der Verzicht auf den bis dahin gekannten Lebensstandard eines großzügigen Hauses mit Wasseranschluss, Strom und Internet. Das neue Land, das sie mithilfe eines Immobilienmaklers innerhalb eines halben Jahres fanden, war verwildert und bot lediglich einen Stall – kein Wohnhaus, kein Wasser, keinen Strom. Bis der Hangar gebaut wurde, der maßgeblich zum Keltern und zur Lagerung des Weines dient und in dem sich auch heute noch der viel zu kleine Wohnbereich von rund 60 Quadratmetern befindet, vergingen zwei Jahre. Bis dahin lebte die Familie in einem Dorf, rund 30 Minuten von ihrem Traum entfernt, den sie schnell „Domaine des Espérances“ – Weingut der Hoffnungen – tauften.
Balz Marty hatte den Idealismus, die Leidenschaft, den Enthusiasmus – vom Weinanbau hatte er allerdings keine Ahnung. Ausgestattet mit dem Wissen aus zwei Lehrbüchern und dem Rat eines benachbarten Weinbauern startete der Autodidakt das Projekt – während seine Frau in der Schweiz blieb und wieder ihren Beruf als Krankenschwester praktizierte. Geplant waren zwei, drei Jahre Trennung, mittlerweile sind zehn daraus geworden. Irma Marty lebt immer noch in der Schweiz, um mit ihrem Gehalt die finanzielle Existenz der Familie zu sichern. Drei- bis viermal im Jahr sieht sich das Ehepaar. Und auch die älteste Tochter Chantal hat einen Zweitwohnsitz in Luzern, von wo aus sie den Vertrieb des Weines vorantreibt.
Trotz der räumlichen Trennung und der finanziellen Einschränkungen ist die Domaine des Espérances immer noch ein Familienprojekt, hinter dem jedes Mitglied steht – mittlerweile nicht nur mit Leidenschaft und Idealismus, sondern auch mit dem nötigen Fachwissen. Alexandra und Chantal, 23 und 26 Jahre alt, haben in Carcassonne eine Ausbildung als Winzerinnen mit Schwerpunkt auf dem biologisch kontrollierten Weinanbau gemacht; die 25-jährige Franziska absolvierte in Montpellier ein Biologie-Studium mit dem Spezialgebiet Weinkultur. Das Know-how und das Gespür der Frauen für die Pflege und die richtige Kombination der Trauben haben sich zum Kapital des vergleichsweise jungen Weinguts entwickelt. Im Sommer 2008 gewannen ihre Rotweine Syrah 2006 und Alpha 2006 bei der internationalen Weinprämierung Zürich (IWPZ) jeweils eine Goldmedaille.
„Die Arbeit auf den Feldern hat auch etwas Rituelles und Sinnliches und zu zweit macht es viel Spaß.“ Alexandra Marty
Ein bisschen verrückt
Knapp die Hälfte des insgesamt 30 Hektar großen Areals sind Rebflächen. Darauf wachsen acht Traubensorten, darunter Grenache, Syrah, Mourvèdre und Carignan, die zum größten Teil zu Rotweinen verarbeitet werden. Hier auf dem Feld, das Buntspecht heißt, gehen Franziska und Alexandra durch die Reihen, inspizieren die Trauben und reißen Blätter ab, die zu viel Schatten auf die Früchte werfen. Sie sollen uneingeschränkt von den Sonnenstrahlen profitieren und zur letzten Reife kommen, bis Anfang September die dreiwöchige Erntezeit beginnt. Die beiden Schwestern sind ein inniges Team. Auf den Feldern laufen sie neben- und nicht hintereinander und stecken ihre Köpfe zusammen, wenn sie die Reben prüfen. „Ich lerne viel von Alexandra“, sagt Franziska, die nach dem Studium nun über die praktische Arbeit auf dem Weingut das Winzerhandwerk lernen will. Eine zweite Ausbildung kommt für sie nicht infrage. Aber auf dem Weingut leben und arbeiten: mit absoluter Sicherheit! So wie Franziska. So wie Chantal. So wie Balz. So wie bald auch Irma Marty.
Insgesamt sind es zwölf Weinfelder mit je rund 3.700 Pflanzen, die die beiden Frauen regelmäßig durchstreifen und die sie von Hand bearbeiten. Wenn sie die Runde abgeschlossen haben, beginnt der Kreislauf von Neuem. „Das ist sehr anstrengend“, sagt Alexandra. „Aber die Arbeit auf den Feldern hat auch etwas Rituelles und Sinnliches und zu zweit macht es viel Spaß.“ Die benachbarten französischen Winzer finden die Praxis der Martys ein „bisschen verrückt“. Zu viel Arbeit sei es, das 14 Hektar große Land manuell zu pflegen, schon gar für Frauen.
Wein natürlich
Bei ökologisch angebautem Wein verzichten Winzer auf chemische Düngemittel sowie Pestizide und erledigen viele ihrer Arbeitsschritte von Hand. Sie schonen damit nicht nur das Grundwasser, sondern fördern vor allem die natürliche odenfruchtbarkeit. Öko-Weinbau unterliegt regelmäßigen Kontrollen: Außer der Europäischen Union prüfen verschiedene Bio-Anbauverbände wie EcoVin oder ECOCERT, dass die geltenden Mindeststandards eingehalten werden.
Kräuter gegen Schädlinge
2002 sind die Martys auf kontrolliert biologischen Anbau umgestiegen. Ihre Reben werden regelmäßig von der unabhängigen Organisation ECOCERT geprüft. Die Familie verwendet ausschließlich organischen Dünger, keine Pestizide oder Unkrautvernichter. Schädlingsbefall und Mehltau werden mit Brennnesselbrühe, essig-saurer Tonerde, Schwefel und in Ausnahmen mit sehr wenig Kupfer bekämpft. Beim Unkraut kommt ein kleiner Traktor zum Einsatz, dessen messerscharfer Aufsatz ganz vorsichtig an den Rebenwurzeln vorbei das Unkraut schneidet. Bewässern müssen die Martys ihre Felder im Übrigen auch bei Temperaturen um die 40 Grad nicht. Die Wurzeln reichen bis zu drei Meter tief in den Boden und nehmen sich dort, was sie brauchen. Nur beim Neuanbau müssen die jungen Pflanzen kräftig eingeschwämmt werden.
Rund 10.000 Flaschen Wein produziert die Domaine des Espérances derzeit. Das Ziel der Martys ist es, ihr Weingut auch weiterhin nach biologischen Richtlinien zu bewirtschaften und im eigenen Keller natürliche und gesunde Weine zu keltern. Der Vertrieb der Marty-Weine entwickelt sich positiv. So haben sie mit Peter Riegel einen Bioweinhändler aus Deutschland gefunden, der ihren offenen Wein importiert. Das nächste Ziel aber ist ein ganz anderes. Anfang 2010 wird Irma Marty endgültig die Schweiz verlassen und auf die Domaine des Espérances ziehen. Dann wird es spätestens Zeit, den Umbau des ursprünglichen Stalls in ein Wohnhaus abzuschließen. „Zehn Jahre Fernbeziehung sind genug“, sagt Balz Marty. In zwei, drei Jahren, so schätzt er, wird die Familie von ihrem Wein leben können. Dann ist Balz Marty fast 70 Jahre alt und das Weingut noch stärker als jetzt in den Händen von drei Frauen – in der von Männern dominierten Branche sicher etwas sehr Ungewöhnliches.
Link zum Thema
Wer die Familie Marty bei der nächsten Ernte unterstützen möchte, erhält mehr Infos unter: esperances.ch

