GRüN MACHT GLüCKLICH

Das Konzept der Nachhaltigkeit ist nicht nur Vision. Es ist im Hier und Jetzt angekommen, bei den Konsumenten, in der Wirtschaft und in der Politik. Es geht dabei nicht um bloßen Verzicht, sondern um umweltschonendes und sozial verantwortliches Handeln. Das klingt abgehoben, ist es aber nicht.

Eine Hinterhofwerkstatt in Berlin-Neukölln. Es riecht nach Holz und Öl. Bizarre Baumscheiben und wuchtige Stammstücke stapeln sich überall im Raum.
Der Boden ist von Spänen und Holzresten bedeckt. Eine junge Frau mit Kopfhörern bearbeitet eine geschwungene Liege aus Kastanienholz mit einem Schleifgerät. Der Lärm ist ohrenbetäubend, feiner Holzstaub wirbelt durch die Luft. Für Christian Friedrich und Jörn Neubauer gehört dieses kreative Chaos zum Arbeitsalltag. Die beiden Holzdesigner haben ein ungewöhnliches Unternehmen aufgebaut: Seit drei Jahren fertigen sie unter dem Label SawadeeDesign Möbelunikate und Kunstobjekte aus einem ganz besonderen Werkstoff: aus altersschwachen, kranken oder vom Sturm umgeknickten Berliner Stadtbäumen.

Die Idee, Wegwerf-Holz als Rohstoff für Möbel, Einrichtungsgegenstände und Kunstobjekte zu nutzen, kam Christian Friedrich schon vor mehr als 15 Jahren. „Ich habe lange in Amsterdam gelebt und dort riesige Planken aus alten Packhäusern an den Grachten zu Tischplatten und Tafeln verarbeitet“, erzählt der gebürtige Berliner. Als er 1995 in die Hauptstadt zurückkam, entdeckte er den städtischen Baumbestand als Rohmaterial für seine Arbeit. Aus recycelten Park- und Straßenbäumen entstanden die ersten Möbelstücke: Tischplatten, Sideboards, Beistelltische. Dabei stand für den Autodidakten der Nachhaltigkeitsgedanke zunächst nicht im Vordergrund. Antrieb war vielmehr seine Faszination für altes Holz.

Jörn Neubauer

„Bei allen Objekten, die wir in den vergangenen Jahren gefertigt haben, haben wir noch nie vergessen, woher das Holz stammt“
Jörn Neubauer

RESPEKT VOR DER NATUR
„Ich bin kein Öko“, betont der 46-Jährige – und hat dabei wohl den Schlabberpulli-Träger mit Jutebeutel und Biolatschen aus den 1970er- und 1980er-Jahren vor Augen. Nein, so einer ist Christian Friedrich wirklich nicht. Und genauso wenig ist der Betrieb, den er mit seinem Partner Jörn Neubauer aufgezogen hat, am Reißbrett der nachhaltigen Unternehmensplanung entstanden. Nicht aus strategischem Kalkül, sondern vielmehr aus Begeisterung für die natürliche Ressource Holz machen die beiden Männer ganz intuitiv vieles richtig – und nachhaltig. Das fängt bei der Materialwahl an. „Wir kooperieren mit den Berliner Fällunternehmen. Die rufen uns an, wenn sie wieder einen Baum für uns haben. Alle sechs Wochen rücken wir mit unseren Sägen aus, um das Material direkt vor Ort zu zerlegen“, sagt Christian Friedrich.

Makelloses Holz finden die Designer langweilig. Und auch Zuchtholz, das auf Plantagen gewachsen ist, kommt für sie grundsätzlich nicht infrage. Stattdessen verarbeiten sie Stämme, Äste und Wurzeln, an denen Krankheiten, Chemikalien, eingeschlagene Nägel oder Granatsplitter aus dem Zweiten Weltkrieg ihre Spuren hinterlassen haben. Was für den Laien wie Holzabfall aussieht und Tischler nie vor die Säge spannen würden, ist für Christian Friedrich und Jörn Neubauer kostbares Rohmaterial. Mit viel Liebe zum Detail verwandeln sie unscheinbare Holzstücke in individuelle Designmöbel. So wird eine altersschwache Zehlendorfer Eibe zum Sideboard und eine ahornblättrige Platane aus dem Treptower Park zu einem bequemen Sessel. Mit jedem Stück verbinden die Designer eine eigene Geschichte. „Bei allen Objekten, die wir in den vergangenen Jahren gefertigt haben, haben wir noch nie vergessen, woher das Holz stammt“, sagt Jörn Neubauer.

Mit ihren Möbeln aus recyceltem Stadtholz treffen die Berliner den Nerv der Zeit. „Unsere Kunden kommen aus ganz Deutschland und mittlerweile sogar aus dem europäischen Ausland. Wir arbeiten zum Beispiel für Auftraggeber in Italien oder Irland“, sagt Christian Friedrich. Dass die Produkte komplett aus recyceltem Material entstanden sind, ist für die Klientel zwar nicht das einzige, aber ein wichtiges Kaufargument. Entscheidend ist aber vor allem eins: Bei den stylishen Möbeln aus Berlin muss sich kein Käufer zwischen Design oder Umweltorientierung entscheiden – er bekommt beides in einem Stück.

Malerei mit Pinsel

GENUSS MIT GUTEM GEWISSEN
Produkte, die diesen Anspruch erfüllen, stehen derzeit nicht nur in der Neuköllner Hinterhofwerkstatt hoch im Kurs. Sie sind in nahezu allen Bereichen gefragt.
Ob Bio-Lebensmittel, fair gehandelter Tee oder nachhaltige Mode – für immer mehr Menschen spielen ökologische, ethische und soziale Kriterien beim Einkauf eine wichtige Rolle. Etwa ein Drittel der Verbraucher in Deutschland – so schätzen die Experten vom Zukunftsinstitut in Kelkheim bei Frankfurt – gehört zu dieser Konsumentengeneration. Der Anspruch der neuen Öko-Avantgarde: Sie wollen verantwortungs bewusst leben und die Natur bewahren, gleichzeitig aber keine Abstriche bei der Lebensqualität machen. Die Trendforschung hat für diese Konsumenten bereits einen Namen gefunden: die LOHAS. So nennen die Experten die Anhänger des sogenannten „Lifestyle of Health and Sustainability“. Gemeint ist damit ein Lebensentwurf, der verantwortungsbewusstes Konsumieren und Genuss zusammenbringt.

Auch wenn der mittlerweile überstrapazierte Begriff Nachhaltigkeit anderes vermuten lässt: Der grüne Lebensstil ist kein oberflächlicher Trend, sondern ein Zukunftsthema mit wachsender wirtschaftlicher und politischer Relevanz. Dafür gibt es handfeste Indizien. So verzeichnet etwa der Markt für Biolebensmittel seit Jahren kontinuierliche Zuwächse. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz um mehr als 40 Prozent auf insgesamt gut 450 Millionen Euro. Gegenüber 2005 hat er sich sogar verdoppelt. Das geht aus einer Analyse des Marketing-Informationsunternehmens AC Nielsen hervor. Auch Naturkosmetik, fair gehandelte Produkte und Ökotextilien sind zunehmend gefragt. Die grüne Mode, bei der die Verarbeitung von Bio-Baumwolle und die Einhaltung sozialer Produktionsstandards im Mittelpunkt stehen, gilt als Wachstumsmarkt.

Holzschnitt in der Werkstatt

„Wir kooperieren mit den Berliner Fällunternehmen. Die rufen uns an, wenn sie wieder einen Baum für uns haben.“
Christian Friedrich

GRÜNE GELDANLAGEN GEFRAGT
Die Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit zeigt sich auch im Finanzsektor. Immer mehr Anleger entdecken ethisch vertretbare und transparente Produkte als attraktives Investment. Vor allem die Debatte um den Klimawandel hat dem Thema Auftrieb gegeben. Allein in Deutschland gibt es nach Angaben des Sustainable Business Institute (SBI) rund 223 Fonds, die ihre Gelder nach sozialen, ökologischen und ethischen Kriterien anlegen – Tendenz steigend. Gut 30 Milliarden Euro haben Sparer in Deutschland, Österreich und der Schweiz in nachhaltige Produkte wie Waldfonds oder Windkraftfinanzierer investiert.
Moralische Gründe müssen dafür nicht allein ausschlaggebend sein: Schließlich lassen sich mit sogenannten grünen Investments einer aktuellen Studie des Schweizer Bankhauses Sarasin zufolge durchaus respektable Renditen erzielen.

Geschäft und Moral in Einklang zu bringen, ist das Ziel aller Akteure am nachhaltigen Markt. Wie das gelingen kann, haben Öko-Vorzeigeunternehmer wie Alfred T. Ritter oder Michael Otto vorgemacht. Der mittelständische Schokoladenfabrikant Ritter war 1996 der erste Süßwarenhersteller in Deutschland, der den betrieblichen Umweltschutz im Rahmen eines umfassenden Managementsystems organisierte. Auch Michael Otto, der Chef des gleichnamigen Hamburger Versandhandelshauses, macht sich seit Jahren für ökologische und soziale Ziele stark und richtet sein Unternehmen konsequent an den Prinzipien der Nachhaltigkeit aus. 1986 erklärte er den Umweltschutz zum Unternehmensziel. Seither setzt der Versandhändler unter anderem auf Recyclingpapier, Mehrwegverpackungen, Bio-Baumwolle und moderne Umwelttechnik. Die 2005 von Michael Otto gegründete Stiftung „Foundation for Sustainable Agriculture and Forestry” (FSAF) leistet einen Beitrag zur Armutsbekämpfung und zum Umweltschutz speziell in Afrika. Auch Vaillant setzt auf ausgewogenes Wachstum. Um eine nachhaltige Unternehmensentwicklung sicherzustellen, hat der Konzern ein umfassendes Nachhaltigkeits-Managementsystem entwickelt. Dieses System umfasst die drei Bereiche ökologische, öko nomische und soziale Nachhaltigkeit.

IM KLEINEN BEGINNEN
Die Idee der nachhaltigen Entwicklung ist aber nicht nur ein Konzept für Großkonzerne. Das zeigt das Beispiel der Holzdesigner Christian Friedrich und Jörn Neubauer. Am Anfang sind vor allem Visionen, Fantasie und Kreativität gefragt – daraus kann sich Größeres entwickeln. Auch die beiden Berliner sehen das so: „Natürlich wollen wir wachsen“, sagt Christian Friedrich – und meint damit sowohl seinen Mitarbeiterstamm als auch den Umsatz. Die Zeichen stehen gut: Die Auftragsbücher sind voll, Kooperationen mit einer Galeristin und einer Innenarchitektin sind geknüpft, und auch auf Messen in Deutschland und Italien zeigen die Holzdesigner Präsenz. Das alles sind wichtige Schritte hin zu ihrem großen Ziel: einen weltweiten Vertrieb für ihre nachhaltigen Produkte aufzubauen.

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