"DIESE STADT KANNST DU NICHT EROBERN. SIE EROBERT DICH."

Istanbul ist gerade en vogue. Die Stadt am Bosporus ist die Megacity des Kontinents, nicht Moskau oder Berlin. In ihr sollen – die Außenbezirke mitgezählt – mittlerweile rund 20 Millionen Menschen leben. Pro Monat ziehen im Durchschnitt 25.000 weitere hinzu. Das verändert das Gesicht der Metropole.
Hülya Özkan, ZDF-Redakteurin, Moderatorin und Krimi-Autorin, porträtiert sie mit leichter Feder in ihren Büchern.

HÜLYA ÖZKAN, Jahrgang 1956, lebt in Mainz und Istanbul. Als Kind kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie studierte Politische Wissenschaften und Journalistik in München. Beim ZDF absolvierte sie ihr Volontariat und arbeitet seitdem dort als Redakteurin und Moderatorin. Zurzeit führt sie durch das Europa-Magazin im ZDF. Ihr zweiter Roman „Istanbul sehen und sterben“ wurde mit Erol Sander in der Rolle des Kommissars Özakin verfilmt und kürzlich in der ARD gezeigt. Die Ausstrahlung warso erfolgreich, dass daraus eine Serie werden soll. Özkans drittes Buch „In deiner Hand“ ist im Diana Verlag erschienen.

Frau Özkan, für Ihre Krimis haben Sie Istanbul als Kulisse gewählt. Mal abgesehen davon, dass Ihre Herkunft es nahelegt – was fasziniert Sie an dieser Stadt?
Istanbul gehört zu den wenigen Städten auf der Welt, die so eine kulturelle Vielfalt bieten. Man kann auf Schritt und Tritt etwas Neues entdecken. Alles ist bunt, schillernd, einfach aufregend. Das Gegensätzliche reizt mich sehr: modern und traditionell, orientalisch und westlich, dörflich und urban. Ich liebe das.

Lassen Sie sich für Ihre Geschichten von tatsächlichen Ereignissen inspirieren?
Ja, klar. Manche sagen, dass Istanbul mittlerweile eine riesige Blase sei, in der rund 20 Millionen Menschen leben. Die Landflucht und der Bauboom verändern die Stadt und ihre Bewohner. Zwischen armen und schicken Ausgeh- und Einkaufsvierteln liegt häufig nur eine einzige Straße. Das gibt genügend Stoff für Krimis. Dazu kommt: Die Motive, ein Verbrechen zu begehen, sind hier wie anderswo immer die gleichen. Es geht meistens um Habgier, Rache und Eifersucht.

Sie skizzieren in Ihren Krimis auch die Gesellschaft: Kommissar Özakin kocht gern für seine Frau, die wiederum gar nicht kochen kann; sein Kompagnon lebt noch im Hotel Mama. Tradition und Moderne existieren wie selbstverständlich nebeneinander. Wollen Sie ein authentisches Bild Istanbuls zeichnen und so Vorurteile abbauen?
Ich habe kein pädagogisches Ziel, ich erzähle einfach Geschichten. Dass die Leser dabei auf spielerische Art mehr über Land und Leute erfahren, ist ein schöner Nebeneffekt.

Türkischer Tee in kleinen Gläsern

DEN TÜRKISCHEN MARKT IM VISIER
Im Oktober 2007 hat die Vaillant Group die Mehrheitsanteile an Demir Döküm, dem führenden osteuropäischen Hersteller im Bereich Heiz- und Klimatechnik mit Sitz in Bozüyük, übernommen. Gemeinsam erschließen die Unternehmen die Wachstumspotenziale in der Türkei und den Nachbarländern. Nach Umsatz ist die Türkei zusammen mit Großbritannien heute der größte Markt der Vaillant Group.

In Ihrem jüngsten Roman lassen Sie einen der Protagonisten einen EU-Witz erzählen. Gehen die jungen Türken tatsächlich so lässig mit dem Thema um?
Aus der Entfernung scheint es den Deutschen so, als ob die Türken nur darauf brennen, in die EU aufgenommen zu werden. Dabei sehen die Menschen dort das mittlerweile kritischer. Sie sagen, wir haben schon so viel getan, so viele Reformen verabschiedet. Und immer noch findet der Westen ein Haar in der Suppe. Das können viele nicht nachvollziehen. Also ironisieren sie, machen sich lustig.

Sie sind in zwei Welten aufgewachsen, leben in Mainz und Istanbul. Ist es schwierig, mit den unterschiedlichen Werten klarzukommen?
Ich empfinde Pluralität als bereichernd. Die Zukunft der Gesellschaften ist multikulturell. Alle Gesellschaften, die homogen sind, sind meiner Meinung nach zum Scheitern verurteilt. Vielfalt eröffnet Chancen, um sich weiterzuentwickeln. Auch in Deutschland geht die Entwicklung in diese Richtung.

Worauf muss man sich als Besucher Istanbuls tatsächlich einstellen? Was ist anders als in Deutschland?
Also, wenn Sie mit Türken verabredet sind, müssen sie Tee trinken. Sehr viel Tee. Und alle haben Visitenkarten und tauschen sie auch bei privaten Treffen aus. Außerdem ist es wichtig zu wissen: Wenn ein Türke sagt, ich bin in fünf Minuten da, sind es eher 15 Minuten. Ich sage dann immer „fünf türkische Minuten“ dazu. Habe ich auf meinen Recherchereisen eine Verabredung und jemand kommt 50 Minuten zu spät, werde ich unruhig. Für die Türken sind solche Wartezeiten nicht ungewöhnlich. Sie kennen diese Mentalität und stellen sich darauf ein.

Und wie überbrücken sie die Wartezeit?
Sie trinken Tee. Und sie schließen neue Bekanntschaften. Es ist sehr leicht in Istanbul, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir Türken sind sehr kommunikativ.

Wer hat Sie für die Figur des Kommissars Özakin inspiriert?
Unterschiedliche Personen. Beispielsweise hat Özakin Züge meines Vaters, der auch so gern kocht. Aber ich habe ihm auch Charaktereigenschaften anderer Menschen gegeben, denen ich begegnet bin. Und ich habe mich gefragt, wen ich selbst als Sympathieträger, als Kommissar akzeptieren würde: jemanden der Humor hat, der gegen die Bürokratie, den Schlendrian und die Vetternwirtschaft kämpft. Der rechtschaffen ist, aber auch eine gewisse Leichtigkeit des Seins versprüht.

Hat er auch etwas von Ihnen?
Ja, ich glaube schon. Ich mag Heuchelei nicht und Özakin reagiert auch sehr allergisch darauf.

Sie schwärmen von den Vorzügen Istanbuls. Aber schnelles Wachstum bringt auch Probleme mit sich. Was sind die größten Baustellen?
Zum einen sind es tatsächlich die Baustellen. Die Städteplaner haben es wirklich schwer, weil sehr viel wild gebaut wird. Das ist kein schöner Anblick. Zum anderen ist die Umweltverschmutzung ein Problem, das die Türken nicht im Griff haben.

Moschee vor dem Bosporus

Woran liegt das?
Unter anderem daran, dass der türkische Mann kein kleines Auto fährt. Das Auto ist ein Statussymbol. Je größer und schneller, desto besser. Das war ja hier in Deutschland bis vor Kurzem auch noch so. Außerdem sind die meisten Unternehmen in der Türkei noch weit davon entfernt, ihre CO2-Emissionen zu senken oder Nachhaltigkeit als Teil ihrer Unternehmensphilosophie zu sehen. Aber das Umweltbewusstsein erwacht langsam. Dazu tragen auch die internationalen Umweltschutzorganisationen bei, die in der Türkei aktiv sind.

Die Luft in Mainz ist sicher besser. Würden Sie dennoch lieber in Istanbul leben?
Perfekt wäre, wenn ich Auslandskorrespondentin für das ZDF in Istanbul werden könnte. Das war immer schon mein Traum. Aber ich werde in Mainz bleiben. Mein Mann hat hier einen interessanten Job. In Istanbul wäre es schwierig für ihn, etwas Passendes zu finden.

Schreiben Sie an einem neuen Roman?
Ich recherchiere noch.

Wäre Umweltkriminalität nicht eingeeignetes Thema?
(Lacht.) Ja, warum eigentlich nicht? Nach dem Motto: Giftmüll versenkt im Bosporus. Özakin kämpft gegen eine mafiöse Gruppierung.