MISSION BILDUNG

Ihr Einsatzort ist die Essener Gesamtschule Bockmühle: Martina Böttcher unterstützt seit einem Jahr Schüler, die zusätzliche Hilfe gut gebrauchen können. Böttcher tut dies nicht als Lehrerin, sondern als Fellow der Bildungsinitiative Teach First Deutschland.

Der Gong kündigt die nächste Stunde an. Martina Böttcher macht sich auf den Weg über den Schulhof zum Hauptgebäude. Auf ihrem Plan steht: 6. Klasse, Förderkurs Deutsch. Acht Schüler haben dort Gelegenheit, zusätzlich zum regulären Unterricht Schreiben zu üben und Grammatik zu pauken. Einer der acht ist Marvin. „Vor Kurzem erzählte er mir, dass er jetzt Klassenbester im Lesen sei“, so Böttcher. Und auch wenn die 26-Jährige nicht genau weiß, ob das allein ihr Erfolg ist, sind es doch diese kleinen Dinge, die sie glücklich machen. Sie sind der Grund, warum sich Böttcher nach ihrem Studium der Kulturwissenschaft für Teach First entschieden hat. 1.700 Euro brutto im Monat bekommt sie für ihren Einsatz vom Land Nordrhein-Westfalen. „Ich wollte nicht nur an mich und meine Karriere denken, sondern etwas für Menschen tun, die es im Leben nicht so leicht haben.“ Diese Einstellung passt bestens zur Idee von Teach First, Kindern und Jugendlichen mit schlechten Startbedingungen bessere Bildungschancen zu bieten. Zu Beginn des Schuljahres 2009/2010 hat die Initiative zum ersten Mal 63 Fellows an Schulen in Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen geschickt, deren Schüler „besonderen Förderbedarf“ haben. So beschreibt Klaus Prepens die Situation an seiner Bockmühle, die er seit fast 40 Jahren leitet. 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen kommen aus Familien mit Migrationshintergrund, Schüler aus 49 Nationen füllen die Klassenzimmer. Im Stadtteil, in dem sich die Gesamtschule befindet, ist in den vergangenen Jahren eine türkische Parallelgesellschaft entstanden. Die Ganztagseinrichtung ist für viele Teenager die einzige Begegnungsstätte, die außerhalb dieser Welt liegt. Eine Gefährtin – so die deutsche Übersetzung von Fellow – wie Martina Böttcher ist dort mehr als willkommen. „Sie bringt neue Ideen mit und ermöglicht es uns, einzelne Schüler gezielt zu fördern“, so Prepens. Das schafft Spielräume, die über die Grenzen des Unterrichtsalltags und auch der engagiertesten Lehrer hinausgehen. Die Fellows sind etwa beim sogenannten Team Teaching oder bei der Hausaufgabenbetreuung eine wertvolle Hilfe. Zudem nahm Martina Böttcher mit fünf Mädchen aus der Oberstufe an einer Online-Debatte der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung zum Thema Web 2.0 teil. Dazu gehörten Auftakt- und Abschlussfahrten nach München und Berlin, bei denen die Jugendlichen erfahren konnten, was es heißt, live auf einem Podium zu diskutieren.

„Ich wollte nicht nur an mich und meine Karriere denken, sondern etwas für Menschen tun, die es im Leben nicht so leicht haben.“
Martina Böttcher

Volles Programm

Auch Mohammad aus dem Deutsch-Förderkurs profitiert vom Angebot Martina Böttchers. Er lacht viel und seine wachen Augen lassen darauf schließen, dass er ein pfiffiges Kerlchen ist. Doch bei allem, was mit Sprache und Text zu tun hat, schaltet er ab. Die Versetzung war gefährdet. In den vergangenen Sommerferien hat Mohammad noch eine Chance bekommen. Zusammen mit zwei anderen Fellows hat Martina Böttcher die Lernferien 2010 entwickelt. Zehn Tage im August unterstützten die Hochschulabsolventen rund 30 Schüler dabei, ihre Leistungen zu verbessern. Morgens wurde Mathe, Deutsch oder Englisch gepaukt, nachmittags ging es bei Kletterausflügen und Improvisationstheater um soziales Lernen. Anschließend begann das zweite und letzte Jahr von Martina Böttcher als Fellow. Wie ihre berufliche Zukunft aussehen wird, entscheidet sie in den kommenden Wochen. Ob sie in ein Unternehmen geht, zu einer öffentlichen Institution oder sogar im Bildungsbereich bleibt, weiß Böttcher noch nicht. Doch bei einem ist sie sich sicher und erfüllt damit einen zentralen Wunsch von Teach First: „Auf jeden Fall möchte ich ganz viel von meinen Erfahrungen hier mitnehmen und mich irgendwie weiter für mehr Bildungsgerechtigkeit engagieren – das ist das Mindeste.“

Link zum Thema
Teach First Deutschland:
www.teachfirst.de