STADT, LAND, FLUCHT

Die einen lieben die Landidylle, die anderen brauchen das pulsierende Leben in der Stadt. Von zwei Familien, die auszogen – vom Land in die Stadt und von der Stadt aufs Land.

Die Stadtfamilie
Elena Seelig laviert sich durch das Getümmel der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg. Mit links schiebt sie den zweistöckigen Kinderwagen. Darin: die schlafende Lotta und die fröhlich plappernde Maja. Rechts zieht Hund Otto an der Leine. Ehemann Andreas hat Tochter Emilia an die Hand genommen. "Wo ist eigentlich Paul?", fragt er. Da! Der Elfjährige hat nur einen kurzen Abstecher in einen der bunten Trödelläden gemacht. Alle wieder beisammen,
sind es nur noch wenige Schritte bis zum türkischen Gemüsehändler.

Ein Leben außerhalb ihres Kiezes können sich Andreas und Elena Seelig nicht mehr vorstellen. Sie haben fast so etwas wie ein Landtrauma. Andreas Seelig ist in der Pubertät von Liverpool und Hongkong in ein Eifeldorf gezogen und langweilte sich damals schwer zwischen Wäldern und Wiesen. Wegen des Berufes versuchten der Neurologe und seine Frau es später doch noch einmal mit dem Landleben. Die Familie zog 2001 von Berlin ins bayerische Landshut. Eigentlich perfekt: ein Einfamilienhaus, das letzte in der Straße, dann nur noch Wiesen. "Doch ich bin fast verrückt geworden", erzählt die Mutter. "Ich brauche viele Menschen um mich herum und eine lebendige Atmosphäre." Die direkten Nachbarn wiederum waren den Seeligs zu verbindlich. "Jeder kannte den Tagesablauf des anderen und wir fühlten uns beobachtet", sagt Andreas Seelig. Nach einem halben Jahr ging es zurück in die Stadt, erst nach Bremen, dann wieder ins geliebte Berlin.

„In Berlin ist auch abends immer was los auf den Straßen.“
Elena Seelig

Inlineskaten auf der Rollbahn
Einfach war es nicht für die mittlerweile sechsköpfige Familie, etwas Passendes zu finden. Ihre jetzige Wohnung hat keinen Balkon und ein Zimmer zu wenig. Deshalb hatten die Seeligs auch überlegt, in den Berliner Speckgürtel zu ziehen. Doch schon, als sie nur den S-Bahn-Ring in Charlottenburg hinter sich gelassen hatten und die ersten Reihenhäuschen in Sicht kamen, spürten sie einen inneren Widerstand – und machten wieder kehrt. Jetzt genießen sie erst einmal das quirlige Leben in Kreuzberg. Mit den anderen Mietern hat die Familie genau so viel Kontakt, wie sie es möchte. Im Sommer grillt die Hausgemeinschaft schon einmal gemeinsam im Hof, niemand verschließt sich, wenn der andere Hilfe braucht, aber ansonsten geht jeder seiner Wege. "Trotzdem fühlt man sich hier nie einsam", so Elena Seelig, "auch abends ist immer noch etwas los auf den Straßen." Die selbstständige Tanzlehrerin nutzt oft die langen Öffnungszeiten der Geschäfte, alle nur einen Katzensprung entfernt. Auch zum Kino, Tangokurs oder zum nächsten Park ist es nicht weit. Am Wochenende geht es für die Familie auf den Kreuzberg oder auf das stillgelegte Areal des Flughafens Tempelhof. Auf der ehemaligen Rollbahn drehen die Seeligs im Sommer mit Inlinern ihre Runden oder lassen Drachen steigen. Im Winter schwingen sie sich auf ihre Skier zum Langlauf.

Alles kann man natürlich nicht haben. Für ein erschwingliches Haus oder eine größere Wohnung im Zentrum müssen sie einen langen Atem beweisen oder weiterhin im Kompromiss leben. Bisher ist für Maja noch kein Kindergartenplatz in Sicht. Und Elena Seelig erlaubt ihren größeren Kindern nur, den kurzen Schulweg mit dem Rad allein zu fahren. "Kinder werden in der Großstadt nicht so schnell selbstständig", sagt die Mutter. Aber: Emilia und Paul radeln zu einer Waldorfschule - diese alternative Schulform könnten sie auf dem Land nicht besuchen. Die beiden Ältesten würden eigentlich lieber wieder aufs Land, geben die Eltern zu. Dort könnten sie so schön durch die Natur streunen und Emilia müsste sich nicht immer bis zu den großen Ferien gedulden, um zu reiten. Aber Elena und Andreas Seelig sind sich sicher: "Sie werden es uns in ein paar Jahren noch danken." Und, wenn man Emilia heute selbst befragt, was ihr in der Stadt gefällt, dann sagt sie: "Eigentlich fast alles." Also doch echte Großstadtgewächse.

Die Landfamilie
Ja, das klassische Dorf gibt es noch. Widdig bei Bonn ist so eins. In der Mitte steht eine kleine Kirche. Es gibt eine zentrale Dorfstraße, auf der ein alter Bauernhof an den nächsten grenzt. Und mehr als vereinzelt einen Radfahrer oder Fußgänger sieht der Besucher an einem ganzen Vormittag nicht. Dafür begegnen ihm Pferde, Gänse und Hühner. Der Schritt wird automatisch langsamer, der Atem ruhiger. Die Besitzer des Hofladens nehmen sich noch Zeit zum Erzählen und zum Polieren der Äpfel. Darüber freut sich Janne Groppe immer ganz besonders. Die Dreijährige ist mit ihren Eltern Stammgast im Hofladen, seitdem die Familie 2008 von Bonn nach Widdig gezogen ist.

„Hier auf dem Land geht es einfach persönlicher zu als in der Stadt.“
Kerstin Groppe

Mit Jannes Geburt im Februar 2008 war die Familie dem hektischen Leben mitten in der Bonner Altstadt endgültig entwachsen. Vor allem am Wochenende, wenn die drei Töchter aus Klaus Groppes erster Ehe zu Besuch kamen, platzte die 60-Quadratmeter-Wohnung aus allen Nähten. Auch die lauten Partys der Nachbar-WG gingen den Groppes zunehmend auf die Nerven. Schnell war klar: Eine größere Bleibe muss her, mindestens 100 Quadratmeter, schön, ruhig und erschwinglich. In einer Umgebung, die Janne Raum für Abenteuer lässt.

Einer ihrer ersten Besichtigungstermine führte die Groppes nach Widdig. Dort stand die alte Dorfschule zum Verkauf. Schon beim Anblick des schönen Gebäudes aus Backstein, von Bäumen umgeben, wusste Kerstin Groppe: "Das ist es!" Als sie mit Ehemann Klaus in einem der lichtdurchfluteten früheren Klassenzimmer stand und weit in die Landschaft blicken konnte, war klar: Hier und nirgendwo anders wollen wir leben. Nur eine Woche später war der Kauf unter Dach und Fach. Heute, nach einem guten Stück Arbeit für die Sanierung, haben die Groppes dort ihr Wohnzimmer, wo früher die Schüler der Klassen fünf bis acht gebüffelt haben.

Leben wie im Urlaub
Zu Beginn wurden "die Städter" von den alteingesessenen Bewohnern noch ein wenig kritisch beäugt. Doch schnell knüpfte die Familie Kontakte, auch durch den Kindergarten eine Straße weiter. "Im Gegensatz zu meinen Freundinnen in der Stadt habe ich problemlos einen Platz bekommen", so die Mutter. Wenn sie Janne nachmittags abholt, steht draußen Spielen auf dem Programm. Dafür muss Kerstin Groppe Janne nicht erst ins Auto packen und zum Spielplatz fahren, wie es in Bonn nötig gewesen wäre. Hier in Widdig kann Janne direkt vor der Haustür toben - Autos kommen selten vorbei. Und im Garten kann die Kleine mit ihren Freundinnen stundenlang Entdecker spielen. Das Landidyll der Groppes lockt auch die Freunde aus der Stadt regelmäßig an. "Das ist fast wie ein kleiner Urlaub, sagen manche", so die Familie. Bis zum Rhein und dem Tiergehege sind es nur zwei Minuten. Für die Stadtkinder sind die Hühner, Pferde und Schafe eine echte Attraktion. Die Wiesen und Felder ringsum laden zum Wettrennen und Verstecken ein. Und auch die Obstbäume und Eichen in direkter Nachbarschaft der Dorfschule wollen erklommen werden. Zu Karneval oder Sankt Martin reisen die Freunde mit ihren Kindern gleich zu Dutzenden an. Denn die Traditionen werden im Dorf noch stärker gelebt, es geht familiärer zu als in Bonn. "Insgesamt achten die Leute mehr aufeinander", sagt der Vater. Was die einen als beengend empfinden, schätzt die Familie. "Das gibt ein Gefühl von Sicherheit", so Kerstin Groppe, "auch um Janne mache ich mir dadurch weniger Sorgen." Nach und nach ist aus den ersten Kontakten ein kleines Netzwerk geworden: Die Tochter des Briefträgers zum Beispiel ist Jannes Babysitter und der Handwerker drei Häuser weiter wird Fenster in das kleine bunte Holzhaus im Garten einbauen. Kerstin Groppe bereut ihre Entscheidung nicht. "Hier auf dem Land geht es einfach persönlicher zu als in der Stadt. Das ist gerade für junge Familien toll." Wie heißt es so schön? Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. Gute Aussichten für Familie Groppe.

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