MEIN BOOT, MEINE GITARRE, MEINE FAMILIE
„Was mir am besten gefallen hat? Mit den Händen essen.“
Amelie Clavin
Die Welt als Kinderzimmer
Unterwegs in der Welt – Familie Clavin macht das, wovon viele andere nicht einmal zu träumen wagen. Zuletzt reisten Malte und Annette mit ihren Töchtern Amelie und Smilla fünf Monate lang durch Sri Lanka. Völlig verrückt oder einfach nur verliebt in die Ferne?
Blonde Locken, unsichere Schritte und noch nicht einmal einen Meter groß: Als Smilla zu ihrer ersten großen Reise aufbricht, ist sie gerade 16 Monate alt. Vor ihr liegen neun Stunden Flug mit Ziel Colombo, Start ist um 14:20 Uhr. Keine gute Zeit für Smilla, die viel zu lange viel zu fit ist, um zu schlafen … Mutter Annette (40) erinnert sich auch ein Dreivierteljahr später nur zu gut an die anstrengenden Stunden. Dennoch sind lange Flüge für Familie Clavin längst kein Argument mehr gegen Fernreisen, sondern lediglich ein Argument für Nachtflüge.
Anders war das vor zehn Jahren. Damals hatte die Geburt von Amelie Pläne für eine mehrmonatige Fernreise erst einmal in die Schublade befördert. „Lange Flüge, Klimawechsel, Zeitverschiebung, ungewohntes Essen – all das kam für mich in den ersten Lebensjahren von Amelie nicht infrage“, erinnert sich Annette. Doch nach drei Urlauben auf unterschiedlichen spanischen und portugiesischen Inseln war dem Paar klar, dass es so nicht weitergeht: „Uns fehlte der Exotik-Faktor“, so Malte (42). Er und Annette hatten fremde Kulturen, andersartige Landschaften und ungewohnte Lebensweisen auf zahlreichen Fernreisen kennen- und lieben gelernt. 2003 testeten sie deshalb ihre damals drei Jahre alte Tochter Amelie auf Südostasien-Tauglichkeit. Gemeinsam flogen sie für vier Wochen nach Thailand, wo sich Annette bereits auskannte. Amelie bestand das Experiment – und Annette und Malte wurden mutiger: Bereits der nächste Trip führte die Familie sechs Monate lang durch Thailand, Vietnam, Laos, Burma und Bali. Ursprünglich standen noch weitere Länder auf ihrer Route; bis nach Australien sollte es gehen.
Blick nach oben
Doch das Unterwegssein mit Kindern hat die Art des Reisens verändert: „Wir nehmen uns heute viel mehr Zeit, verweilen länger an einem Ort und ziehen nicht mehr von einer Attraktion zur nächsten. Es sind die Kinder, die den Takt vorgeben“, so Malte. Seine Frau ergänzt: „Wir sind keine Backpacker mehr, suchen nicht das Abenteuer.“ Das heißt: Die Übernachtung im Regenwald entfällt; die um Mitternacht startende Bergtour bestreiten Malte und die zehnjährige Amelie allein, Annette und Smilla bleiben im Hotelbett. Also kein Egotrip von Eltern, dem die Kinder folgen müssen? „Ein bisschen stimmt das schon“, gibt Malte zu. „Doch auch zu Hause entscheiden Eltern vieles für ihre Kinder. Und auf Reisen haben wir extra Chef-Tage für Amelie eingeführt – da bestimmt sie das Programm.“
Was bewegt sich denn da? Amelie und Smilla entdecken neue Welten.
Die Frage nach dem Egotrip ist nur eine von vielen, die Familie Clavin immer wieder hört. Häufig geht es auch um Geld, Schule und die Rückkehr ins Berufsleben. Malte nennt das den „Blick nach unten“. Was für ihn und Annette aber viel mehr zählt, ist der Blick nach oben; der Blick auf die Möglichkeiten, die ihre Art zu reisen eröffnet. Und dazu gehört vor allem Zeit: für gemeinsame Erlebnisse, Erfahrungen, Gespräche. Hinzu kommen das Gefühl von Freiheit und „die Kunst, im Augenblick zu verweilen“, so Malte, der nicht nur als Berater für digitale Medien arbeitet, sondern auch als freier Fotograf. „Am Ende der Sri-Lanka-Reise war ich so weit, dass ich sogar meine Kamera einfach im Hotel gelassen habe.“
Fragt man Amelie, was ihr am besten in Sri Lanka gefallen hat, antwortet sie prompt: „Mit den Händen essen.“ Klar, das kennt sie von zu Hause nicht unbedingt; doch es ist längst nicht das Einzige. Unterwegs in der Ferne entdecken die beiden Schwestern ganz nebenbei, wie vielfältig die Welt ist. Sie sehen Buddhisten in ihren Tempeln, erkunden unbekannte Pflanzen- und Tierwelten und knüpfen Kontakte zu Kindern, deren Sprache sie gar nicht sprechen. Immer wieder führen die neuen Impulse dazu, dass Amelie und Smilla über sich hinauswachsen – und sei es nur, dass Amelie ihre Angst vor Tieren überwindet.
Die Reise geht weiter
Fünf Monate Sri Lanka liegen hinter den Clavins: Zurück in ihrer Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg, genießen sie die vertraute Umgebung und das Zusammensein mit Freunden. Denn trotz aller Reiselust ist die Familie sehr heimatverbunden. Amelie geht wie gewohnt zur Schule – den dort verpassten Lernstoff hat sie sich mithilfe ihrer Mutter selbst erarbeitet –, Smilla beginnt einen neuen Lebensabschnitt im Kindergarten und Annette nimmt ihre Tätigkeit als Verlagsherstellerin wieder auf. Nur Malte kehrt zunächst nicht in seinen Beruf als Berater zurück. Er versucht, dem Alltagstrott noch ein wenig zu entkommen, um neuen Ideen Raum zu geben. So fliegt er etwa im kommenden Monat zum fünften Mal nach Burma. Dort wird er als Fotograf unterwegs sein. Auf Nachfrage gesteht er: „Mein Traum ist es, eines Tages von der Fotografie leben zu können.“
„Wir nehmen uns heute viel mehr Zeit. Es sind die Kinder, die den Takt vorgeben.“
Malte Clavin
Bis es so weit ist, leben die Clavins noch für einen weiteren Traum: Sie planen, künftig die Hälfte des Jahres unterwegs zu sein und die anderen sechs Monate in ihrem Berliner Zuhause zu verbringen. Ideen für die nächste Reise gibt es schon. Ziel sind die arabischen Länder, Abflug soll im November 2011 sein. Mobil und global – so wollen Annette und Malte gemeinsam mit ihren Kindern leben. Sie nennen das ihren „globilen Lebensentwurf“. Und darum dreht sich alles bei den Clavins.
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