DER SCHLAFENDE RIESE
Es ist schon lange her, dass Marcello Martini die Nacht am Krater eines Vulkans verbracht hat. Damals, Ende der 1990er-Jahre, als er gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern daran gearbeitet hat, die seismologischen Messungen am Lava spuckenden Stromboli zu verfeinern. Heute sitzt der Direktor des Osservatorio Vesuviano in der vierten Etage eines klotzigen Hochhauses im Westen von Neapel. Von seinem Büro aus sind es nur wenige Schritte bis zum Monitoring Center, dem wichtigsten Raum im Observatorium. Dort behalten die Kollegen der Mittagsschicht die süditalienischen Vulkane im Blick – die stillen Feuerberge auf Ischia, den immer aktiven Stromboli und den Vesuv, den „Hausvulkan“ der Neapolitaner. Um ihn zu erreichen, muss Dottore Martini einmal quer durch die chronisch verstopfte Vier-Millionen-Stadt fahren. Kein Problem, wenn man Zeit hat. Im Falle eines Ausbruchs wäre Im-Stau-Stehen jedoch tödlich. Binnen zehn Minuten würde sich dann ein heißer Strom aus Gas und Asche über das Gebiet ergießen, das die nationale Zivilschutzbehörde in ihrem Notfallplan als „zona rossa“ bezeichnet. Dort leben rund 600.000 Menschen in der Hoffnung, dass der Vulkan noch lange schläft.
Marcello Martini hat den Vesuv fest im Blick
Spurensuche im Staub
Seit 76 Jahren gibt Vesuvio Ruhe. Doch die Vulkanologen beruhigt das gar nicht. Sie gehen davon aus, dass sich der Koloss eines Tages mit einer gewaltigen Explosion zurückmelden wird. Wie schon so oft in den letzten 25.000 Jahren. „Die Geschichte des Monte Vesuvio ist ein Wechselspiel aus lang andauernden Ruhe- und Aktivphasen“, erklärt Luigi Parlato. Der Physiker führt täglich Schulklassen durch das alte Gebäude des Observatoriums, in dem sich heute ein Museum befindet. Es erzählt von den Errungenschaften der Vulkanforscher, die dort ab dem 19. Jahrhundert Messungen ausgewertet, historische Quellen studiert und archäologische Funde klassifiziert haben. In mühevoller Kleinarbeit haben sie die Umgebung des Vesuvs auf Lavafragmente aus verschiedenen Epochen durchforstet. Geologen untersuchen die Fundstücke im Labor, um so Phasen und Typen von Vulkanausbrüchen zu bestimmen. Der Blick in die Vergangenheit ist elementar: Aus ihm leiten die Experten ein mögliches Zukunftsszenario ab.
„Man sollte sich nicht gegen einen Vulkan auflehnen.“
Domenico Mazzella
Für den Vesuv sieht die Prognose düster aus: Zwar wird der nächste Ausbruch schwächer als jener, der im Jahr 79 n. Chr. das nah gelegene Pompeji zerstörte. Aber deutlich heftiger als alles, was die Forscher seit der Gründung des Observatoriums beobachtet haben. „Wir rechnen mit einer sogenannten subplinianischen Eruption“, erläutert Marcello Martini. Sie ist typisch für Vulkane, deren Kammern wie beim Vesuv sehr zähflüssiges und gasreiches Magma beherbergen. Steigt die Schmelze auf, ändern sich die Druckverhältnisse im Inneren des Vulkans. Wie bei einer geschüttelten Sprudelflasche verschafft sich das Gas in einer gewaltigen Explosion Raum und wirbelt dabei Lava – Gesteinsbrocken unterschiedlicher Größe – an die Oberfläche. Bei einem subplinianischen Ausbruch bilden Gas und feinste Lavapartikel eine Eruptionswolke, die bis zu 20 Kilometer in die Stratosphäre aufsteigt. Bricht sie zusammen, wird es gefährlich: Denn dabei wird rund 700 Grad heißes Gas freigesetzt, das den Hang hinabströmt. Dieser sogenannte pyroklastische Strom erreicht eine Geschwindigkeit von bis zu 100 Stundenkilometern. Für Marcello Martini ist klar: „Die Wohngebiete der roten Zone müssen vor dem Ausbruch geräumt sein. Sonst haben die Menschen keine Chance.“
Übung mit Hindernissen
Den Ernstfall hat die nationale Zivilschutzbehörde vor ein paar Jahren mit 1.000 Einwohnern simuliert. Die Stimme des Direktors verliert den ruhigen Plauderton: „Die Übung funktionierte eigentlich sehr gut. Allerdings regnete es an diesem Tag so stark, dass der Verkehr auf der Autobahn zusammenbrach.“ Schicksal? Der Physiker lächelt ein wenig gequält. Er redet lieber über Fakten. „Aus wissenschaftlicher Perspektive ist es kein Problem, die Menschen rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Denn die Vorboten kündigen einen Vulkanausbruch bereits Wochen vorher an.“ Erhöhte Alarmbereitschaft ist angesagt, wenn sich die Zahl der Erdbeben häuft. Das gilt insbesondere, wenn sich der Vulkan gleichzeitig ausdehnt – ein Zeichen, dass sich der Druck im Inneren des Schlunds erhöht. In diesem Fall verändert sich auch das Gasgemisch in der Magmakammer.
All diese Warnsignale sind messbar. Am Krater und an den Flanken des Vesuvs haben die Forscher deshalb verschiedene Geräte installiert, die den Puls des Vulkans fühlen. Zwölf seismische Stationen registrieren jede kleinste Vibration. Röhrenförmige Tiltmeter und GPS-Geräte registrieren, wenn sich der Berg anhebt – und sei es auch nur um einen Zehntelmillimeter. Temperatursonden im Boden und eine satellitengesteuerte Infrarotkamera überprüfen parallel die Wärme des Lavagesteins. Zuverlässig und vollautomatisch übertragen die Geräte ihre Daten ins Monitoring Center in Neapel. Nur die Gasproben werden heute noch manuell entnommen. Alle zwei Wochen seilen sich dazu zwei Forscher in den gewaltigen Krater des Vulkans ab, um dessen schwefelige Ausdünstungen einzufangen. Eines der letzten Abenteuer in der modernen Vulkanforschung.
Marcello Martini kann auf derlei Nervenkitzel gut verzichten. Seit Kollegen von ihm bei der Geräteinstallation am Stromboli um Haaresbreite einem pyroklastischen Strom entkommen sind, bleibt er lieber auf Distanz. Ganz anders als die Scharen von Vulkantouristen aus aller Welt, die sich am Kraterrand die Köpfe verrenken, um einen Blick in die Tiefe zu erhaschen. Doch der Vesuv rührt sich nicht. Und damit das so bleibt, haben die Budenbesitzer auf dem Berg nicht nur kalte Getränke, sondern auch jede Menge Glück bringende Glimmersteine und Marienfiguren aus schwarzer Lava im Angebot.
Observation im Schichtdienst
Im Monitoring Center konzentrieren sich die Wissenschaftler des Osservatorio auf die derzeit schwachen Lebenszeichen des Vulkans. Der kühle Raum erinnert an die Schaltzentrale der NASA. Wo man hinschaut: Monitore, auf denen Linien und Punkte vorüberflimmern. Einen dieser Punkte zieht Marcello Martini mit der Computermaus auf. „Ein kleines Erdbeben“, sagt er. Davon gibt es am Vesuv circa 800 im Jahr. Auf den Stromboli-Bildschirmen weiter links ist deutlich mehr los. „Hier beobachten wir täglich 200 Explosionen. Die meisten sind harmlos. Nur wenn auch Lava austritt, wird es gefährlich.“ So wie im Jahr 2007, als ein Strom aus glühendem Gestein sich langsam bis ans Meer ergoss. Für Kenner ein Signal dafür, dass sich am Krater ein größerer Ausbruch anbahnte.
In Fällen wie diesem greifen die Wissenschaftler zum roten Telefon und informieren den Zivilschutz. Dieser legt nach Beratung mit der nationalen Risiko-Kommission die Alarmstufe fest. Gelb melden die Experten, wenn außergewöhnliche Messwerte auftreten. Auf Orange folgt Rot und das heißt: Gefahr im Verzug. „Ab dem gelben Level intensivieren wir das Monitoring und schalten bestimmte Geräte hinzu, um die Messungen zu verfeinern.“ Manchmal müssen die Forscher auch verängstigte Menschen beruhigen. So zum Beispiel im Dezember 2008, als es in Neapel unvermittelt knallte. „Da hatten zwei Militärflugzeuge bei einer unangekündigten Übung die Schallmauer durchbrochen. Aber alle dachten natürlich sofort an den Vesuv“, erinnert sich Martini. Zwar sagt man den Neapolitanern nach, dass sie im Hier und Jetzt leben und nicht an morgen denken. Doch wenn der Vesuv hustet, lässt das keinen kalt.
Auch Domenico Mazzella, der als Restaurator in der historischen Altstadt von Neapel arbeitet, macht sich immer wieder Gedanken über den Vulkan vor seiner Haustür. „Die Experten sagen, dass sich der Ausbruch ein paar Wochen vorher ankündigt. Aber ich frage mich, ob das reicht, um alle Leute zu evakuieren. Wahrscheinlich wird das ein Riesenchaos.“ Der 36-Jährige zuckt mit den Achseln. Sein Meisterstück – ein Kloster aus dem 12. Jahrhundert, das er gemeinsam mit Freunden restauriert und zu einer kleinen Pension umgestaltet hat – würde er dem Vesuv im Fall des Falles ebenso opfern wie die unzähligen Kunstwerke seiner Familie, die ihn seit seiner Kindheit begleiten. „Vesuvio ist unser Freund, solange er ruht. Er steckt voller Energie und schenkt uns einen besonders fruchtbaren Boden. Deshalb gibt es hier die besten Tomaten und die leckersten Aprikosen der Welt. Aber irgendwann kommt der Moment, in dem er den Preis von uns fordern wird.“ Sollte Domenico diesen Augenblick erleben, wird er nicht versuchen, sein Hab und Gut zu retten. „Man sollte sich nicht gegen einen Vulkan auflehnen“, sagt er. „Gegen die Kraft der Natur sind wir am Ende machtlos.“
KLEINE VULKANKUNDE
Der Größte Europas mächtigster Vulkan ist der Ätna auf Sizilien. Er ist 3.352 Meter hoch und galt in der Antike als Wohnsitz der Götter. Immer wieder kommt es zu größeren Ausbrüchen an den Flanken, die zuletzt im Jahr 2002 einige illegal gebaute Häuser am Fuße des Vulkans zerstörten.
Der Erwachte Nach 600 Jahren Ruhe meldete sich der Pinatubo 1991 zurück. Der Ausbruch des philippinischen Vulkans verursachte mehr als 20 Kilometer hohe Eruptionssäulen, die bis in die Stratosphäre gelangten. Der Ausbruch löste Ascheregen und Schlammlawinen aus. Weltweit sank die Temperatur in diesem Jahr um 0,5 Grad.
Der Unsichtbare In der Eifel liegen die Dauner Maare, die sich am Ende der letzten Eiszeit bildeten. Ein Maar entsteht, wenn aufsteigendes Magma auf wasserreiche Gesteinsschichten trifft und eine unterirdische Explosion verursacht. Diese hinterlässt Hohlräume, in die das aufliegende Gestein einbricht. In den kegelförmigen Maartrichtern sammelt sich Grundwasser. So entstehen Seen wie das Weinfelder Maar im rheinland-pfälzischen Daun.
Der Unaussprechliche Der in diesem Jahr am häufigsten gegoogelte Vulkan ist der Eyjafjallajökull auf Island. Seine kilometerhohen Aschewolken sorgten im April und Mai 2010 für Aufregung an den Flughäfen. Weil befürchtet wurde, dass die feinen Partikel die Flugzeug-Elektronik schädigen könnten, wurden mehr als 100.000 Flüge gestrichen.
IM SCHATTEN DES VESUVS
Pozzuoli am Golf von Neapel verdankt seine Popularität nicht nur seiner berühmtesten Tochter, Sophia Loren. Das Hafenstädtchen hat mit dem Solfatara auch einen Vulkankrater zu bieten, in dem es seit Jahrtausenden kräftig brodelt. 180 Grad heißer Wasserdampf entweicht dort zischend aus dem Boden. Und mit ihm übel riechender Schwefelwasserstoff (H2S), den die Italiener „puzzo del diavolo“ nennen. Wahre Männer sollte der Teufelsgestank nicht schrecken. Schließlich haben amerikanische Wissenschaftler jüngst nachgewiesen, dass H2S ein wichtiges körpereigenes Potenzmittel ist. Giorgio Angarano, auf dessen Land sich der Vulkan befindet, fand sogleich Belege für die wunderbare Kraft des Solfatara-Gases: So soll ein naher Verwandter immerhin 18 Kinder gezeugt haben, bevor er sich in eine schwefelfreie Gegend zurückzog.
Die Bürger von Pompeji hielten Monte Vesuvio fatalerweise für einen ganz normalen Berg. Sie wussten nicht, dass das heftige Erdbeben, das im Jahr 62 n. Chr. viele Häuser zerstörte, nur der Vorbote einer gewaltigen Eruption war. Die Ausgrabungen, die heute Tausende von Touristen in die antike Stadt locken, zeugen davon, dass die Pompejer eifrig daran arbeiteten, ihre Stadt wieder aufzubauen. Mit den Zentralthermen hätten sie zudem ein öffentliches Badehaus geschaffen – fortschrittlich für die damalige Epoche. Zum Zeitpunkt des Vesuv- Ausbruchs fehlten nur noch die Heizöfen.
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