HüRDEN, DIE KEINE SIND

Wie lässt sich eine mehrmonatige Reise überhaupt finanzieren? Und wie sieht es mit der Schulpflicht und dem Wiedereinstieg in den Beruf aus? Familie Clavin weiß Rat:

Kindertrage statt Trekking-Rucksack: Annette und Malte haben sich auf die Bedürfnisse ihrer Jüngsten eingestellt. Auch Autositz und Milchpulver reisten mit nach Sri Lanka.

Geld: Vor der Reise heißt es natürlich sparen. Aber nicht die Reisekosten, sondern die laufenden Ausgaben zu Hause sind häufig das Problem. Deshalb hilft es, Fixkosten während der Reisezeit zu reduzieren. Das heißt: Wohnung untervermieten, Auto abmelden, Versicherungen aussetzen; Abos, Mitgliedschaften und Mobilfunkverträge kündigen.

Schule: Zwar gibt es in Deutschland eine Schulpflicht, doch frühzeitige und offene Gespräche mit den Klassenlehrern helfen in der Regel – so die Erfahrung der Clavins in Berlin. Die Lehrer unterstützen die Pläne der Familie und so reichte ein formloser schriftlicher Antrag, den die Schulleitung genehmigte. Ausschlaggebend waren sicherlich Amelies gute schulische Leistungen und ihre Lernbegeisterung.

Beruf: Jede Situation ist anders: Annette nimmt als Angestellte unbezahlten Urlaub, Malte ist als Selbstständiger sein eigener Herr und kann Projekte entsprechend planen. Immer häufiger bieten Unternehmen ihren Mitarbeitern auch ein sogenanntes Sabbatical an – eine Auszeit mit Job-zurück-Garantie. Arbeitnehmer können Überstunden ansparen und diese irgendwann am Stück abfeiern. Oder Beschäftigte sammeln Stunden, indem sie voll arbeiten, aber nur einen Teil des Gehalts beziehen.

Inka Schmeling: Abenteuer Elternzeit. Ein Ratgeber über das Reisen mit Baby und Kleinkind, Beltz 2010.

ABENTEUER ELTERNZEIT – EIN BUCHTIPP
Lässt sich mit Kleinkindern die Welt bereisen? Inka Schmeling tut es einfach und nimmt den Leser mit auf den eigenen Elternzeittrip. Gemeinsam mit ihrem Mann und dem neun Monate alten Sohn war sie zwei Monate in der Türkei, Syrien und dem Iran unterwegs. Das Buch ist nicht nur ein spannender Reisebericht, sondern zudem ein wertvoller Ratgeber. Er enthält zahlreiche Tipps für Reisen mit Kleinkindern, Pack- und Einkaufslisten sowie Erfahrungsberichte von anderen Eltern und Tipps von Experten – beispielsweise von Entwicklungspsychologen, Personalberatern und Tropenmedizinern.

Link zum Thema: www.weltreise-mit-kind.de

Tourdaten:
22. Januar 2011: Stadthalle Hagen
11. März: Stadthalle Osterholz-Scharmbeck
2. April: Stadthalle Neuss

FAMILIENBAND(E)
Es gibt noch mehr Möglichkeiten mit seiner Familie anders zu leben als der Durchschnitt: Bei der Band Grobschnitt rocken Väter und Söhne gemeinsam, die Eltern Denalane und Herre betreiben kluge Arbeitsteilung und die Jankowskis haben ihr Familiendomizil auf den Rhein verlegt.

Gemeinsam Musik zu machen, ist für Milla und Manu Kapolke nichts Neues. Als Sechsjähriger hat Manu Kapolke schon mit seinem Vater zu Hause Gitarre gespielt. Und wenn es nicht mit dem Papa war, dann mit einem der anderen 18 rockenden Mitbewohner im oberbergischen Hückeswagen. Denn Manu Kapolke ist in einer musikverrückten WG aufgewachsen – eigener Probenraum inklusive. „Die Arbeiten meines Vaters kenne ich von klein auf“, erzählt der 27-Jährige. Denn Vater Milla probte auch zu Hause mit seiner Kult-Band Grobschnitt, 1970 gegründet und 1989 aufgelöst. „Ernsthaft entdeckt habe ich die Musik aber erst später“, sagt Manu. Dann aber richtig – Manu und die Sprösslinge der anderen Bandmitglieder lieben Grobschnitt- Klassiker wie „Solar Music“ mittlerweile so sehr, dass sie 2007 das Comeback der Band veranlassten. Zum rockenden Nachwuchs gehören auch Demian Hache, Sohn von Keyboarder Deva Tattva, und Nuki, Sohn des Frontsängers Willi Wildschwein. Derzeit tourt Grobschnitt in der Vater-Sohn-Besetzung quer durch Deutschland – sehr zur Freude der Fans, die 17 Jahre lang von Erinnerungen zehren mussten. Der treueste Anhänger pilgert sogar aus Singapur zu jedem Konzert. Was ist heute anders als vor 30 Jahren? „Die Auftritte mit unseren Söhnen haben ein ganz eigenes Flair“, so der 57-jährige Milla Kapolke. „Viele Zuschauer sind richtig gerührt.“ Auch Sohn Manu ist begeistert: „Die Konzerte machen irrsinnig Spaß.“ Das liegt auch daran, dass die Bandmitglieder nur nebenberuflich und ohne finanziellen Druck Musik machen. Manu studiert Philosophie und Mathematik; sein Vater Milla arbeitet als Waldorflehrer. „Ich muss mir nichts mehr beweisen. Das macht sehr relaxt.“ In der WG wohnt das Gründungsmitglied auch nach 40 Jahren noch. Und Milla Kapolke ist sicher, dass sie irgendwann auch zur Senioren-WG wird. Kein bisschen leise versteht sich.

Mehr Infos: www.grobschnitt-band.de

SOUL-MAMA
Isaiah Naledi und Jamil sind zwei ganz normale Jungs. Und sie machen genau das, was Neun- beziehungsweise Siebenjährige ebenso machen: in die Schule gehen, Hausaufgaben erledigen, Freunde treffen, Fußball spielen. Abends freuen sie sich auf eine Gutenachtgeschichte und ein Schlaflied von Mama. Das fällt allerdings besonders melodisch aus – denn ihre Mutter ist die deutsche Soul-Queen Joy Denalane. Die 36-Jährige hat es geschafft, die beiden wichtigsten Dinge in ihrem Leben perfekt miteinander zu verbinden: ihre Musik und ihre Familie. Mit einer ungewöhnlichen Mischung aus Soul und R&B, kombiniert mit afrikanischen Elementen, ist es ihr gelungen, ihren eigenen Stil in der deutschen Musikszene zu etablieren. Parallel hat die Sängerin mit Max Herre, Frontman der Hip-Hop-Combo Freundeskreis, ihre eigene Familie gegründet. Die Betreuung der Kids teilen sich die Eltern auf – wer gerade mehr Zeit hat, kümmert sich verstärkt um den Nachwuchs. Ist Joy Denalane etwa auf Tour oder arbeitet an einem neuen Album, lässt Vater Max seine musikalischen Projekte ruhen und sorgt für Isaiah und Jamil. Umgekehrt funktioniert das Arrangement genauso. Übrigens auch nach der offiziellen Trennung der beiden Künstler im Jahr 2007. Joy Denalane und Max Herre sind sich weiterhin freundschaftlich verbunden – beruflich und privat. Sie teilen sich das Sorgerecht und schließen auch zukünftige gemeinsame Projekte nicht aus. Erst mal arbeitet Joy Denalane aber an ihrem neuen Album. Und das ganz entspannt; denn sie weiß, dass ihre Söhne bei Papa bestens versorgt sind.

Weitere Informationen: www.joydenalane.com

BOAT PEOPLE
Theo Jankowski traf in den 1970er-Jahren auf Abenteuerlustige, die im VW-Bus die Welt bereisten. „Das mache ich als Rentner auch“, sagte er sich. So lange hat er nicht gewartet und der VW-Bus ist es auch nicht geworden. Aber: Der 60-Jährige lebt seit elf Jahren mit seiner Familie auf einem Hausboot in Köln-Sürth. „Ich wollte schon immer anders leben und mein Mann liebt das Wasser, das passte“, sagt Ehefrau Anne. „Eltern und Freunde haben allerdings den Kopf geschüttelt.“ Marcel, der Jüngste, war erst sieben Jahre alt. Doch die Eltern testeten das Leben im Schaukelrhythmus im Urlaub – den Sprösslingen gefiel’s. Eine Weile führten die Jankowskis ein Doppelleben zwischen Reihenhaus und Quai, bis die 25 Meter lange MS Espadon ganz ihr Zuhause wurde. 80 Quadratmeter, keine Wände, für die Privatsphäre müssen vier Quadratmeter pro Koje reichen. „Das ist schon eng“, meint Theo. Zu eng für die 23-jährige Tochter Anne, die inzwischen an Land lebt. Beide Söhne wohnen aber mit über 20 noch auf dem Wasser. „Bei Familienkrächen darf man nicht impulsiv sein“, so Ehefrau Anne. „Wenn Gegenstände über Bord gehen, sind sie weg.“ Ansonsten leben die Kölner fast wie jede andere Familie. Im Salon stehen Ledercouch und Fernseher. Es gibt Telefon und Internet. Nur die Toilette ist handbetrieben. Und im Winter ist es nicht ganz so gemütlich, räumen sie ein. Aber die Vorteile überwiegen, sind sich die Jankowskis sicher. Welche Familie kann schon im Sommer auf dem Sonnendeck frühstücken?