DEM GLüCK AUF DER SPUR

Geld allein macht nicht glücklich. Was wie eine banale Bauernweisheit von anno dazumal klingt, ist eine hochaktuelle Erkenntnis der Glücksforschung. Ökonomen, Psychologen, Soziologen und Neurobiologen suchen gemeinsam nach den Faktoren, die uns wirklich glücklich machen.

Glückstipp 1:
Engagieren Sie sich
Hilfsbereite Menschen, die etwas
für andere tun, leiden Studien
zufolge weniger unter Depressionen
und sind zufriedener.

Angela Merkel sucht seit Anfang dieses Jahres nach der Glücksformel. Genauer gesagt: Sie lässt suchen. Und zwar die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Bundestags. Aufgabe der 17 Abgeordneten und 17 Experten ist es, einen „ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator“ zu entwickeln. Die Kanzlerin ist nicht das einzige Regierungsoberhaupt in Europa, das nach einem neuen Gradmesser dafür sucht, wie gut es der Nation geht. Der britische Premier David Cameron lässt seit diesem Frühjahr seine Bürger vom Statistikamt nach ihrem persönlichen Glückslevel befragen. Und Nicolas Sarkozy hat seine europäischen Kollegen sogar abgehängt. Der französische Präsident rekrutierte bereits vor drei Jahren seine Expertenkommission, darunter zwei Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften.

Glückstipp 2:
Dankbarkeit üben
Halten Sie in einem Tagebuch fest, wofür Sie dankbar sein können, und schreiben Sie Dankesbriefe an andere. Dankbarkeit ist ein gutes Mittel gegen negative Emotionen.

Warum suchen Staatsoberhäupter und hochrangige Ökonomen nach einer Formel für das Glück? Bisher galt das Bruttoinlandsprodukt als zuverlässiger Gradmesser für das Wohlergehen einer Nation. Stieg es, herrschte Partylaune. Fiel es, war Katerstimmung angesagt. Doch die Erkenntnisse der interdisziplinären Glücksforschung bringen diese Theorie mehr und mehr ins Wanken. Seit den 1970er- Jahren beschäftigen sich Soziologen, Psychologen und Neurobiologen mit der Frage, was uns glücklich(er) macht. Seit gut zehn Jahren tun dies auch Ökonomen. Professor Karlheinz Ruckriegel, der an der betriebswirtschaftlichen Fakultät der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg lehrt, ist einer von ihnen. „Das Bruttosozialprodukt ist umstritten, weil es weder den sozialen Fortschritt noch die private Haushaltsproduktion berücksichtigt“, erläutert Ruckriegel. „Auch Umweltschäden als Preis unseres Wirtschaftens schlagen nicht negativ zu Buche.“

Glückstipp 3: 
Flow-Effekte suchen
Suchen Sie sich herausfordernde Tätigkeiten mit klar umrissenen Zielen, die Ihnen Freude machen und in denen Sie voll aufgehen können.

Doch es ist mehr als der Wunsch nach einem realistischeren Gradmesser für materiellen Wohlstand, der die Regierungschefs und Glücksforscher antreibt. „Weltweite Umfragen zeigen, dass seit den 1960er-Jahren das Pro-Kopf-Einkommen in den westlichen Industrieländern zwar enorm gestiegen ist, die subjektive Lebenszufriedenheit der Menschen jedoch kaum“, sagt der Professor für Makroökonomie. „Wir müssen weg von einem reinen Denken in den Kategorien des Wirtschaftswachstums und hin zu einem Denken des Wohlbefindens.“ Geld allein macht also nicht glücklich. Ziel der Glücksforscher ist es daher herauszufinden, was die Zufriedenheit mit dem Leben fördert oder hemmt, um daraus konkrete Handlungsempfehlungen für die Wirtschaftspolitik, für die Unternehmen und für den Einzelnen abzuleiten.

Glückstipp 4:
Soziale Kontakte pflegen
Wer Freunde hat, lebt länger. Einsamkeit beeinflusst die Lebenserwartung genauso negativ wie Rauchen, Bluthochdruck oder Übergewicht.

Die 10.000-Dollar-Frage
„Uns geht es nicht um das Zufallsglück, also den großen Lottogewinn, sondern um das Wohlbefinden der Menschen“, erläutert Professor Ruckriegel. „Darunter verstehen wir zum einen das emotionale Wohlbefinden – unsere Gefühlslage – und zum anderen das kognitive Wohlbefinden, den Grad unserer Zufriedenheit mit dem Leben.“

Beide Arten des Wohlbefindens lassen sich durch unterschiedliche Befragungsformen ermitteln. Weltweit liegen hierzu mittlerweile zahlreiche Daten vor. Erkundigt hat man sich auch bei den Deutschen: Bei der Frage danach, was für ihre Lebensqualität wichtig ist, antworteten gut drei Viertel von ihnen mit „Gesundheit“, dicht gefolgt von „intakte Familie und Partnerschaft“. Auch das eigene Leben weitestgehend selbst zu bestimmen, soziales Engagement und der Schutz der Umwelt sind mehr als der Hälfte wichtig. Weit abgeschlagen ist dagegen das Bedürfnis, Geld und Besitz zu mehren: Nur zwölf Prozent der Bundesbürger glauben, dass sie ihre Zufriedenheit auf diese Weise steigern können.

Glückstipp 5:
Vermeiden Sie Grübeleien
 
Wer ständig selbstbezogen
grübelt und sich mit anderen
vergleicht, schürt nur Neid und
andere negative Gefühle –
und kommt doch zu keinem
befriedigenden Ergebnis.

Diese scheinbar selbstlose Einstellung der Deutschen erklärt die Glücksforschung mit der Gewöhnung. Denn weltweiten Erkenntnissen zufolge führt mehr Geld in einem Land nur so lange zu mehr Lebenszufriedenheit, bis ein durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen von 10.000 Dollar erreicht worden ist. Ist diese Schwelle einmal überschritten, tragen zusätzliche finanzielle Mittel kaum noch zu einer Steigerung des Wohlbefindens bei. „Wenn wir uns nicht länger darum Gedanken machen müssen, wie wir unsere Familie ernähren können, macht uns das zufriedener. Die Befriedigung dieser Grundbedürfnisse war in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wichtig, doch heute sind diese längst gedeckt, wir haben uns daran gewöhnt“, erklärt Professor Ruckriegel.

Glückstipp 6:
Trainieren Sie Geist und Körper
Wer glücklich sein will, muss
körperlich und seelisch mit
Stress umgehen können. Meditation
senkt beispielsweise Forschungen
zufolge den Blutdruck
und stärkt das Immunsystem.

Glückliche Dänen
Aktuelle Statistiken geben ihm recht. Denn dass mehr Besitz nicht glücklicher macht, zeigt auch der „Better Life“-Index der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD): Bei der jährlichen Bestandsaufnahme unter ihren 34 Mitgliedsstaaten fragte die OECD 2010 erstmals auch Daten ab, die ganz explizit auf Selbsteinschätzungen in Bezug auf die Lebenszufriedenheit abzielen. Das Ergebnis: Beim Wohlstand liegen wir Deutschen deutlich über, bei der Lebenszufriedenheit deutlich unter dem Durchschnitt. Eindeutiger Spitzenreiter der Tabelle ist Dänemark mit einer Lebenszufriedenheit von 10 – dem Höchstwert. Deutschland hingegen liegt bei 6,4. „Die Dänen, aber auch die Südamerikaner leben mehr im Hier und Jetzt und gewichten viele Dinge positiver“, sagt Ruckriegel. In Dänemark herrsche ein hohes Vertrauen in den Staat, zudem sind die Einkommensunterschiede gering. Sozialer Neid und negative Gefühle, die unglücklich machen, kommen da nicht so schnell auf. Hierzulande sieht das anders aus. Eine aktuelle Studie von DHL, der Glücksatlas Deutschland 2011, zeigt in puncto Lebenszufriedenheit deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Demnach sind die Menschen in Hamburg und Niedersachsen glücklicher als etwa in Thüringen. „Was die Menschen glücklich macht, können wir durch die Glücksforschung schon sehr genau sagen“, meint Professor Ruckriegel. Zu den Glücksfaktoren gehören Gesundheit, bereichernde soziale Beziehungen, soziales Engagement, sinnstiftende Arbeit, Entscheidungsfreiheit und nicht zuletzt die innere Haltung – und genau hier lasse sich ansetzen, sagt Professor Ruckriegel.

Der Glücksforscher
Karlheinz Ruckriegel ist Professor für Volkswirtschaftslehre
an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg.

Anleitung zum Glücklichsein
Wie lernt eine Nation also das Glücklichsein? Da ist zunächst jeder Einzelne gefragt. „Glück ist immer subjektiv. Doch der Punkt ist einfach der: Es geht nicht darum, ob man einen Mercedes S-Klasse oder einen Golf fährt. Das Auto selbst macht nicht glücklich, sondern nur, was man damit verbindet“, sagt Ruckriegel. „Wir können unsere Denkgewohnheiten jedoch verändern, etwa indem wir uns nicht ständig mit anderen vergleichen und unseren Optimismus trainieren.“ Doch was bringt das Glücklichsein? Und wem? „Wer etwas für seine Zufriedenheit tut, fühlt sich nicht nur subjektiv besser, sondern hat auch mehr Energie und ist kreativer“, sagt Professor Ruckriegel. „Glückliche Menschen sind nicht nur gesünder, sondern arbeiten auch produktiver und erhöhen ihre Lebenserwartung.“ Von glücklichen Bürgern profitieren also Individuum, Gesellschaft und Wirtschaft zugleich. Gewinnmaximierung der etwas anderen Art. Unter diesem Gesichtspunkt ist das Fazit, das Nicolas Sarkozys Expertenkommission im September 2009 vorlegte, wenig überraschend. „Die Zeit ist reif dafür, dass sich unser Messsystem mehr mit dem Wohlergehen der Menschen als mit wirtschaftlicher Produktivität befasst“, heißt es im Abschlussbericht. Ein winziger Staat zeigt, wie es geht: Das südasiatische Königreich Bhutan feilt bereits seit den 1970er-Jahren an seiner Glücksformel, dem Brutto-National- Glück, und hat die Steigerung der Zufriedenheit seiner Untertanen offiziell zum höchsten Staatsziel erklärt. Schön, wenn dieses Beispiel Schule macht.

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