ALLES AUF ANFANG
Ein Platz wie bei Heidi auf der Alm – so ist Bayrischzell-Sudelfeld, rund 1.200 Meter hoch in den Alpen. Die Jugendherberge leuchtet sonnengelb. Sie liegt inmitten von Kräuterwiesen, auf der angrenzenden Weide grasen Kühe, Kinder toben auf der Terrasse. So richtig idyllisch ist es hier. So richtig wohl fühlen sich Angie und Mike Sebrich, die seit etwa neun Jahren die Jugendherberge leiten. Das ist erst einmal nichts Besonderes. Interessanter wird die Geschichte, wenn die Vergangenheit von Angie Sebrich ins Spiel kommt. In ihrem ersten Berufsleben war sie Pressesprecherin beim Musiksender MTV, kannte Promis, Macher und Politiker, jettete durch die Welt. Wie kommt jemand wie sie, eine Überfliegerin aus der Mediencity München, an einen Ort mit 1.600 Einwohnern? Die Antwort liegt in Tunesien. Dort machen Mike und Angie Sebrich 2001 Urlaub, so wie sie es lieben: mit dem Jeep die Wüste erkunden, über Märkte schlendern, am Strand faulenzen. Erholung hat vor allem Angie Sebrich nötig. Die Managerin gönnt sich kaum Atempausen, verbringt bis zu zwölf Stunden im Sender; abends stehen oft Arbeitsessen oder andere Veranstaltungen an. „Heute frage ich mich, woher ich diese Energie genommen habe“, sagt die heute 44-Jährige rückblickend. Für das Privatleben bleiben nur Mini-Lücken im Terminkalender. „Es kam vor, dass wir uns in zwei Wochen nur einmal für eine Stunde sahen“, erzählt Mike Sebrich, der als Messebauer damals oft in anderen Städten arbeitete. Trotz der fehlenden Zeit füreinander verspüren die beiden nicht den Wunsch nach Veränderung. So ist das Leben nun einmal. „Ich war sicher reif für einen Wechsel, mir war das nur nicht bewusst“, sagt Angie Sebrich.
„Ich war sicher reif für einen Wechsel, mir war das nur nicht bewusst.“
Angie Sebrich
Kleine Auszeiten
Sich vom Meetingplan die Glücksmomente vorgeben lassen – auf dem Berg gibt es das nicht. Hier schaffen sich die Sebrichs ihre Freiheiten. Nichts Spektakuläres, eher kleine Auszeiten. Sich in der Ski-Bar unter den Sonnenschirm lümmeln, Cappuccino trinken und den Töchtern beim Spielen zuschauen. Ab und zu zieht es die Ex-Großstädter hinunter in die Stadt, zum Essen oder Shoppen nach Rosenheim. „So wunderbar das Bergleben ist, wir mögen auch diesen Kontrast“, meint Angie Sebrich. „Wenn wir eine Weile in der Stadt waren und der Lärm beginnt zu nerven, freuen wir uns umso mehr auf die Ruhe bei uns oben.“
Weiter mit Tunesien: Hier lernen die Sebrichs ein Ehepaar kennen, das in einer Jugendherberge am Bodensee arbeitet. Als die vier an einem Abend über Lebensträume philosophieren, entwickeln die Sebrichs die Vision von „einer Frühstückspension in Italien“, „einem Gästehaus in den Bergen“ oder „einem Reiterhof auf dem Land …“ – Warum nicht eine Jugendherberge leiten?, fragen die Freunde. Zufällig ist nämlich die in Bayrischzell zu vergeben, mitten in den Alpen. Freunde haben manchmal merkwürdige Ideen. Vor allem aber sehen sie Dinge, die einem selbst verborgen sind. Angie Sebrichs Energie und Organisationstalent ist etwas, was dem Ehepaar aus Lindau gleich aufgefallen ist; in Kombination mit Mikes handwerklichem Können wären das beste Voraussetzungen, eine Jugendherberge zu leiten.
Eine abwegige Idee
Der Vorschlag kommt bei den Sebrichs erst nicht besonders gut an. Jugendherberge, das hat doch etwas mit Kochen in einer Großküche zu tun, mit dem Putzen von Zwölfbettzimmern und dem Bändigen von Kinderscharen. Nichts für die Sebrichs. Und dennoch, je abwegiger die Idee, desto größer die Fantasie, sich das Ganze doch vorzustellen. Inspiration erhalten sie von ihren Freunden, die ihnen in den milden tunesischen Nächten das Herbergsleben näherbringen, beschreiben, was die Leitung konkret bedeutet – Businesspläne erstellen, das Angebot ausbauen, Personal anleiten, kurzerhand: Führungsaufgaben übernehmen. Das wiederum finden die Sebrichs anspruchsvoll. Sie könnten also kreativ sein und gleichzeitig würden sie Verantwortung tragen. Sie könnten, wenn sie wollten, ihren eigenen Platz an der Sonne gestalten.
Zurück in München, zurück im Alltag. „Es hagelt E-Mails, Telefonate und Anfragen, ich sitze fluchend im Auto, weil mir ein Stau meinen Terminplan zerschießt“, erinnert sich Angie Sebrich. Sie kommt ins Grübeln und fragt sich, wie lange sie dieses Tempo noch durchhalten will. Später ertappt sie sich dabei, wie sie im Internet Informationen zu Bayrischzell und der Jugendherberge recherchiert. Nur so aus Neugier natürlich. Die Stelle ist immer noch ausgeschrieben, sie zeigt sie Mike – und beide haben irgendwie ein gutes Gefühl beim Gedanken an Sudelfeld. Sie beschließen, sich die Herberge anzusehen. Nur so aus Neugier – natürlich.
„Wir möchten heraus aus unserer schnelllebigen Welt und eine bodenständige Arbeit leisten, eigene Ideen verwirklichen und an einem Strang ziehen.“
Angie Sebrich
Lust aufs Bodenständige
Das Haus ist ein Traum, die Gegend unglaublich schön. Nach ihrem Blitzbesuch haben die Sebrichs die Entscheidung getroffen: Sie wollen Herbergseltern werden. Fragt sich nur, wie eine PR-Managerin und ein Messebauer diesen Entschluss vor den Offiziellen des Deutschen Jugendherbergswerks begründen. Am besten, indem sie offen sagen, was sie sich davon versprechen. „Wir möchten heraus aus unserer schnelllebigen Welt und eine bodenständige Arbeit leisten, eigene Ideen verwirklichen und an einem Strang ziehen“, so fasst es Angie Sebrich zusammen. Beim Bewerbungsgespräch überzeugt die Begeisterung der beiden – die Quereinsteiger machen das Rennen.
Freiheit im Job zählt mehr als Geld
Umsteigen und sich anderen Aufgaben stellen, dieser Gedanke ist für viele reizvoll. Tatsächlich sind Berufswechsel in Deutschland keine Seltenheit. Nur etwa jeder dritte Erwerbstätige ist dem erlernten Beruf treu geblieben, wie das Bundesinstitut für Berufsbildung ermittelt hat. Was ein neuer Job bieten muss, damit er attraktiv ist: Er sollte nicht nur möglichst sicher, sondern auch interessant und unabhängig sein – sprich die Chance bieten, eigenverantwortlich zu arbeiten. Ein hohes Einkommen fällt weniger ins Gewicht. Wer sich beruflich verändern will, wünscht sich eher andere Inhalte oder eine freiere Arbeitsweise. Ein möglichst hoher Status ist seltener das Ziel.
Sicher, nach der Zusage kommt sie unweigerlich: die Angst vor dem Neuen und Ungewissen. Was, wenn die Einsamkeit nicht auszuhalten ist, man das alte Leben vermisst? „Dann suchen wir uns eben etwas Neues“, ist die Antwort von Mike Sebrich. Auch als Angie Sebrich – ausgerechnet jetzt – mit Zwillingen schwanger wird, bringt das die beiden von ihrer Entscheidung nicht ab. „Es schien wirklich so, als sei die Zeit für ein neues Leben reif, und zwar in vielerlei Hinsicht“, resümiert Mike Sebrich heute.
Gämse und Leoparden
Von ihrer Jugendherberge aus sehen die Sebrichs ein grandioses Alpenpanorama, mit dem Wilden Kaiser und dem Großen Traithen. Bei gutem Wetter reicht die Sicht sogar bis zu den Loferer Steinbergen. Hier im Büro von Angie Sebrich rückt das Idyll allerdings ein wenig in den Hintergrund. Die ehemalige Managerin hat auch in ihrem zweiten Berufsleben reichlich Arbeit. Dazu gehört etwa der Monatsabschluss. Außerdem betreut sie die Gäste, macht Reservierungen, regelt die An- und Abreisen, beantwortet Fragen. Mike Sebrich kümmert sich vor allem um die handwerklichen und technischen Dinge im Haus. Der Alltag fordert das Paar. „Wir haben nicht unbedingt viel mehr Zeit füreinander als früher“, räumt Mike Sebrich ein. „Aber wir haben es in der Hand und können besser planen. Die Freiheit, unsere Arbeit selbst einzuteilen, möchten wir nicht mehr missen.“
Aus dem alten Leben ist nicht nur der Elan geblieben. Auch die Räume spiegeln wider, dass keine gewöhnlichen Herbergseltern dieses Haus eingerichtet haben. Im Speisesaal gibt es traditionelle Wandmalereien mit springenden Gämsen, in den Gästezimmern hängen Kunstblumengirlanden und Vorhänge mit Leopardenmuster. Zu den Blickfängen zählen auch Erbstücke aus Angie Sebrichs Vergangenheit: MTV-Plakate, die mittlerweile Sammlerwert haben. Woher die Poster kommen und was früher war, wissen die beiden Töchter nur aus Erzählungen. Lena und Lisa wachsen behütet in Sudelfeld auf. Draußen spielen, radeln, Ski und Schlitten fahren – in München wäre das nicht so einfach. „Sie sind jetzt acht. Noch finden sie es cool hier oben“, meint die Mutter. „Wie es wird, wenn sie Teenager sind, werden wir sehen.“ Ob Familie Sebrich irgendwann wieder die Kisten packt? Schon möglich. Sie wollen offen bleiben – für Zufälle und die Inspiration von Freunden.
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