ALLES IST ERLEUCHTET

Jahrtausende hat der Sternenhimmel den Menschen den Weg gewiesen. Heute gibt es Städte und Straßen, die die Welt zum Leuchten bringen – und nur wenige Orte, an denen man in klaren Nächten den Orionnebel oder die Milchstraße sieht. Galloway Forest im Südwesten Schottlands ist so ein Ort. Hier liegt der Dark Sky Park, der Wissenschaftler und Hobby-Astronomen aus aller Welt magisch anzieht

Die kaum befahrene Landstraße Richtung Galloway Forest führt durch eine malerische Landschaft

Runde Hügel schmiegen sich weich gegen den Nachmittagshimmel; ein Grün, das in unterschiedlichen Schattierungen ineinanderfließt, bestimmt die Szenerie. Eine Landschaft wie ein Aquarell. Die Luft ist feucht und kühl, sie duftet nach Gras. Ab und an bahnt sich die Sonne ihren Weg zwischen den tief hängenden Wolken. Das bringt Dramatik in das hypnotisierend gleichmäßige Panorama. Abseits der Autobahn – von Edinburgh kommend Richtung New Galloway – sieht man im südschottischen Hügelland kilometerweit keine Menschenseele, kein Auto weit und breit, das Handy hat keinen Empfang. Die perfekte Gegend, um vor der Zivilisation zu fliehen; die perfekte Gegend, um bei Nacht die Sterne zu beobachten; so perfekt, um die Gegend als „Dark Sky Park“ auszuzeichnen. Davon gibt es weltweit nur fünf. Verliehen wird der Titel von der International Dark-Sky Association, die sich dafür einsetzt, den Nachthimmel als wertvolles kulturelles Erbe zu erhalten und die sogenannte Lichtverschmutzung zu reduzieren.

Schwindendes Schattenreich Wissenschaftler weisen seit Jahren auf die zunehmende Lichtverschmutzung und deren Folgen für Lebewesen und Umwelt hin. Die Beleuchtung von Städten, Industrieanlagen, Straßen, aber auch sogenannte Lichtkunst erhellen den Nachthimmel. Dieser Lichtsmog erschwert zum einen astronomische Forschung; Sternwarten ziehen sich deshalb mehr und mehr aus den Städten zurück. Zum anderen wirkt sich der Mangel an Dunkelheit negativ auf Lebewesen aus. Menschen leiden unter Hormonstörungen und schlafen nicht gut. Nachtaktive Vögel und Insekten verlieren die Orientierung. Und Pflanzen wachsen nicht, wie sie sollen. Umweltaktivisten und Organisationen wie die International Dark Sky Association fordern daher einen bewussten Umgang mit künstlichem Licht. Zu Dark Sky Parks werden nur Gegenden ernannt, die nachts ohne Mond und Sterne so dunkel sind wie die Entwicklungskammer eines Fotografen.

Was Dunkelheit im Galloway Forest bedeutet, zeigt sich schon bald nach Sonnenuntergang. Eine fachkundige Einschätzung können die Mitglieder des lokalen Astronomie-Vereins außerhalb von Newton Stewart geben. Die rumpelige Landstraße, die zu ihnen an den südlichen Zipfel des Parks führt, ist nicht beleuchtet. Es ist, als wäre ein riesiges schwarzes Samttuch über die Gegend gelegt. Viele Menschen fürchten sich vor dieser surrealen Finsternis. Liebhaber des Sternenhimmels wie Dr. Robin Bellerby tun das nicht. „In einer klaren Nacht funkeln hier 7.000 Sterne. In London sind es gerade mal 200 bis 300“, sagt der Chairman der Wigtownshire Astronomical Society. Er wartet schon an der Einfahrt des Grundstücks und leuchtet mit einer Taschenlampe – der Standardausrüstung jedes Waldbewohners – den Weg in das kleine Haus. Hier wohnt er mit seinem Sohn Richard und drei Hunden. Das Fehlen einer ordnenden weiblichen Hand im Haushalt ist offensichtlich, die Höflichkeit und Gastfreundschaft des pensionierten Schuldirektors und Physikers sprichwörtlich. Er gerät ins Schwärmen, wenn er von Himmelskörpern spricht. „In einer sternenklaren Nacht ist die Milchstraße mit bloßem Auge zu sehen. Den ganzen Herbst über haben wir Jupiter beobachten können und zurzeit ist es Mars, dem unsere ganze Aufmerksamkeit gilt. Mit einem einfachen Fernglas sind sogar seine weißen polaren Eiskappen zu erkennen. Solch einen klaren Blick auf die Sterne und Planetensysteme haben nur noch zehn Prozent der Menschen auf der ganzen Welt.“

Es ist gar nicht so lange her, dass ihm die Besonderheit des Ortes klar wurde. Mr. Bellerby stammt ursprünglich aus Yorkshire, hat in über 50 Ländern des Commonwealth unterrichtet und gelebt, zuletzt in Oman. 2002 ist er mit seinem Sohn nach Newton Stewart gezogen. „Wir kamen hier mitten in der Nacht an. Vor Müdigkeit schliefen wir an Ort und Stelle im Auto ein. Als wir wenige Stunden später aufwachten, waren die Wolken weg und wir schauten hinauf in diesen spektakulären Sternenhimmel. Ich hatte so etwas noch nie gesehen.“ Bellerby verliebte sich gleich und trat der Wigtownshire Astronomical Society bei, deren Vorsitzender er heute ist.

Jäger des verlorenen Schatzes
Nach einer theoretischen Einführung in die Wunder des Galloway’schen Firmaments führt Bellerby die Besucher stolz in das Observatorium: Es liegt dem Haus direkt gegenüber und ist in einer kleinen Scheune untergebracht. Das Dach lässt sich seitlich wegschieben. Von hier aus richten die passionierten Sternenjäger ihre Teleskope auf den Himmel. Die Bellerbys haben das Observatorium auf ihrem Grundstück gemeinsam mit Mitgliedern des Vereins gebaut. Sein astronomisches Wissen will der ewige Lehrer auch an die nächsten Generationen weitergeben. Deshalb organisiert er Führungen für Schulklassen. In der Stadt zeigen gelegentlich Kinder auf ihn: „Das ist der Mann, der eine Besichtigung der Internationalen Raumstation organisieren kann.“ Die Anfragen von Hobby-Astronomen und Journalisten häufen sich, Bellerby kann längst nicht mehr alle beantworten. Zumal das Observatorium eigentlich nur für Mitglieder des Vereins gedacht ist und keine größeren Besuchergruppen verkraftet.

„Die klaren Nächte sind spektakulär. 7.000 Sterne funkeln am Himmel über Galloway Forest.“ Brian Rice, Mitglied der Wigtownshire Astronomical Society

Das gilt auch für das bei Hobby-Astronomen beliebte Bead & Breakfast von Mike Alexander, das südlich von Newton Stewart in der Nähe von Glasserton liegt. Der ehemalige Ingenieur ist mit seiner Frau vor sechs Jahren in die finstere Gegend gezogen. Wichtig war ihm, dass die Häuser der Nachbarn möglichst weit weg sind, sodass kein fremdes Licht die Sicht beeinträchtigt. Mike Alexander beschäftigt sich seit 38 Jahren mit Astronomie und gibt Kurse für Anfänger. Aber auch Kundige können von ihm einiges lernen. „Im Moment gibt es eine spannende Entwicklung im Orionnebel. Man kann beobachten, wie sich darin ein Stern formt. Irgendwann wird sich eine Konstellation bilden, die mit den Plejaden, dem Sternbild der Sieben Schwestern, vergleichbar ist.“ Woher er sein Wissen über die Sterne hat? „Mein Vater hat mir vor fast vierzig Jahren zu Weihnachten ein Buch mit Sternenkarten geschenkt. Ich ging jeden Abend raus, um die Konstellationen am Himmel wiederzufinden. Die Ordnung der Sterne hat mich nie mehr losgelassen. Sie zu beobachten, schärft das Bewusstsein.“

Retter der Nacht
Die Region um New Galloway und Dumfries scheint das größte Nest für Hobby-Astronomen in Europa zu sein. Dieser Ruf ist offenbar auch bis zu Steven Owens, dem britischen Koordinator des Internationalen Jahres der Astronomie 2009 vorgedrungen. 2008 fragte er Keith Muir, den leitenden Forstbeamten des Waldes, ob er sich mit dem Park nicht als Dark Sky Park bewerben wolle. „Als Verwalter der Wälder sind wir ohnehin nachhaltig ausgerichtet. Die strengen Anforderungen an einen Dark Sky Park passen sehr gut dazu“, sagt Muir. Der umfangreiche Kriterienkatalog forderte unter anderem einen detaillierten Beleuchtungsplan des gesamten Waldes und Maßnahmen, um die ohnehin geringe Menge künstlichen Lichts weiter zu senken. Es galt, die Anwohner der Region zu überzeugen: Auch sie sollten die Außenbeleuchtung abschalten oder reduzieren und Lampen verwenden, deren Lichtkegel nach unten fällt. Fast alle waren dazu bereit. Muirs Vision ist es, aus der angeborenen Liebe der Schotten zu den Sternen ein nachhaltiges Konzept für die gesamte Region zu machen. Das soll vor allem auch umweltbewusste Touristen anziehen. Bereits heute gibt es tief im Galloway Forest Park leicht zugängliche Plätze, wo sich die Sternenjäger postieren können. Muir träumt von einem öffentlichen Observatorium und Planetarium. Das wird noch zwei, drei Jahre dauern und zwischen drei und vier Millionen Pfund kosten. „Wir werden alles dafür tun, um genügend private Investoren zu begeistern. Das ist gut für die Region. Und die Professoren an der Universität in Edinburgh werden froh sein, wenn ihre Studenten nicht nach Arizona oder Chile reisen müssen, um die Sterne zu beobachten.“

Wie dunkel ist dunkel?
Den Grad der Lichtverschmutzung offenbart die Bortle-Skala, benannt nach John E. Bortle.
Er unterscheidet neun Klassen: von 1 (Ort mit außergewöhnlich dunklem Himmel) bis 9 (innerstädtischer Himmel). Orte der Klassen 1 und 2 gibt es in Mitteleuropa so gut wie nicht mehr. Der Galloway Forest Dark Sky Park ist ein Ort der Klasse 2.

Die Sterne haben sich in den letzten beiden Nächten hinter einem schwarzen Vorhang versteckt. Statistisch gesehen würden sie sich in der dritten Nacht wieder zeigen. Aber auch ganz ohne funkelnde Sterne ist die Reise nach Galloway Forest wie eine Meditation. Sie entschleunigt und lehrt, dass wir auch im Dunkeln wahre Schönheit erleben können.


Links zum Thema:
www.darksky.org
International Dark-Sky Association

www.forestry.gov.uk/gallowayforestpark
Galloway Forest Park

www.wigtownshire-astro.org.uk
Wigtownshire Astronomical Society
 
www.gallowayastro.com
Mike Alexanders Bed & Breakfast

www.stellarium.org
Open Source Planetarium für den Computer