DER CLUB DER KLEINEN KöCHE

In der Koch-AG von Carola Stumpe-Richter erleben Kinder Lebensmittel mit allen Sinnen. Einmal im Monat schaltet die Gruppe in einem Pflegeheim den Herd ein.

„Die Kinder sollen die Lebensmittel in ihrem Ursprung und in ihrer Vielfalt erfahren.“ Carola Stumpe-Richter

Ruben mahlt und mahlt. Unablässig dreht der Zehnjährige die Kurbel der Getreidemühle. Dass die Hafer- und Weizenkörner im Trichter nicht weniger werden, fällt ihm ebenso wenig auf, wie er bemerkt, dass schon seit Minuten kein Mehl mehr in die Holzschale fällt. Ruben ist zufrieden. Ruben liebt das Mahlen. „Die ist ja verstopft“, sagt Carola Stumpe-Richter, nimmt ein Messer und legt den Zugang des Mahlwerks wieder frei. Ruben findet das schade, denn er hätte gern noch ein wenig vor sich hin gekurbelt. Aber es soll weitergehen, das Mehl wird gebraucht. Ein Teig soll hergestellt werden, um Äpfel darin zu wenden und anschließend in der Pfanne zu backen. Pauline, die in blassem Rot ein Herz und eine Sonne auf ihre Kochmütze gemalt hat, rührt zusammen mit Merle bereits die Eier.
„Ich fülle jetzt etwas auf einen Teller“, sagt Carola Stumpe-Richter in den Raum des Pflegeheims hinein, „und Sie gucken mal, ob Sie erkennen, was das ist.“ Julienne nimmt den Teller und geht zu den alten Damen, die rund um die Tische sitzen, an denen die Kinder arbeiten. Sie hält ihnen die braunen Krümel unter die Nase. „Schnuppern Sie mal!“, sagt Frau Stumpe-Richter noch einmal laut, und die Dritte, der Julienne das Schälchen unter die Nase hält, sagt: „Zimt. Das ist Zimt.“

Carola Stumpe-Richter weiß, was junge und alte Menschen mögen: Gebratene Äpfel im Teigmantel.

ESSEN MIT DEN SINNEN
Einmal im Monat kommt Carola Stumpe-Richter mit den zehn Kindern ihrer Koch-AG im sächsischen Sayda ins Pflegeheim „Am Wallgraben“. An den anderen Montagen kocht die AG in der Grundschule, wo sie im Schulgarten auch ein eigenes Beet bewirtschaftet. Carola Stumpe-Richter ist gelernte Köchin und seit zehn Jahren Mitglied bei Slow Food. Die weltweite Bewegung hat sich zum Ziel gesetzt, Fast-Food-Produkten und einer auf Profit setzenden Lebensmittelindustrie Qualität und Bewusstsein entgegenzusetzen. Was die Köchin und vierfache Mutter in Sayda und den umliegenden Gemeinden im Erzgebirge tut, ist Geschmackserziehung im besten Slow Food Sinne: Carola Stumpe-Richter vermittelt Kindern Freude am Genuss, macht sie neugierig auf Kräuter, Obst und Gemüse; verdeutlicht, dass ein Apfel keine glatte Schale braucht, um zu schmecken. Und lässt den Nachwuchs sich erproben, im Schneiden und Schälen, Wiegen und Messen, Braten und Kochen. „Die Kinder sollen die Lebensmittel in ihrem Ursprung und in ihrer Vielfalt erfahren. Sie sollen wissen, wie etwas riecht, sich anfühlt, was man damit machen kann. Nur so kann man Wertschätzung lernen“, sagt Carola Stumpe-Richter. Dabei müsse nicht jedem alles schmecken. „Aber jedes Kind muss alles probieren.“ So lernen schon die Grundschulkinder, sich einzulassen, neugierig zu sein, statt etwas abzulehnen, nur weil sie es nicht kennen oder es komisch aussieht. 

Slow Food – die Bewegung
„Es ist nutzlos, den Rhythmus des Lebens forcieren zu wollen. Die Kunst des Lebens besteht darin zu lernen, allem und jedem die Zeit zu lassen, die er braucht“ – so formulierte Carlo Petrini die Philosophie der Slow Food Bewegung, die er 1986 in Italien gegründet hat. Die gemeinnützige Organisation setzt sich weltweit für eine nachhaltige, regionale und faire Produktionsweise von Lebensmitteln ein. Mit rund 80.000 Mitgliedern ist sie in über 100 Ländern tätig.

Hier im Pflegeheim leistet die 40-Jährige doppelten Einsatz. Nicht alle Kinder haben Großeltern oder Kontakt zu alten Menschen. Und nicht alle Alten haben Enkel. „Aber alle haben gern miteinander zu tun.“ Zu Beginn waren manche Kinder zurückhaltend. „Heute haben sie keine Scheu mehr, den älteren Menschen beim Essen zu helfen.“ Elisabeth Müller ist mit 95 die zweitälteste Heimbewohnerin und noch sehr eigenständig. Sie erinnert der Geruch der Äpfel, die die Kinder jetzt in der Pfanne braten, an ihre Kindheit, als die Bauern Getreide für Kaffee rösteten. Und der süßsaure Geschmack macht sie regelrecht munter: „Hm! Das könnten die als Betthupferl servieren, so gut ist das!“, lacht sie. Auch Quitten hat Carola Stumpe-Richter mitgebracht, frische und getrocknete. Die getrockneten hat sie mit den Kindern zusammen im Herbst hergestellt. Zwei Mädchen schleppen einen großen Kochtopf mit Wasser herbei, um aus den Trockenfrüchten Tee zu kochen. Jonas findet es super, dass sich die Arbeit vom Herbst auszahlt: „So hat man was davon!“

Mahlen gegen Unruhe
In die Tätigkeit als Kursleiterin ist die 40-Jährige quasi hineingerutscht. Vor 14 Jahren, als ihr erstes Kind gerade geboren war, begann sie, im Familienzentrum Erwachsenen und Kindern den Umgang mit Lebensmitteln nahezubringen. Heute ist sie eine der wenigen Ausbilderinnen in Sachsen, die mit Schulkindern den „Ernährungsführerschein“ macht, ein praktischer Kurs für gesunde Ernährung.

Damit sie auch pädagogisch auf festen Füßen steht, hat sie sich drei Jahre lang zur Waldorferzieherin ausbilden lassen. Ein Einsatz, dessen Früchte sie nun erntet. Nicht nur, dass sie geschickt die hibbeligen Jungs durchs Körnermahlen beschäftigt, Unruhe durch eine Runde Ums-Haus-Laufen zu bändigen weiß – sie hat auch eine Kinderschar um sich, die begeistert montags zur Koch-AG kommt. Ganz von selbst, ohne dass die Eltern sie drängen müssten. Manche, wie Ruben, sind schon seit vier Jahren dabei. „Das Tollste ist, dass wir immer was Neues lernen“, sagt Sophie. „Eierkuchen machen oder Plätzchen backen.“ Und wenn man fragt, was Frau Stumpe-Richter am besten kann, dann muss Pauline nicht lange überlegen: „Erklären!“

Marmelade machen, Früchte trocknen, das Kräuterbeet pflegen und die Besonderheiten der Region kennenlernen, statt im Supermarkt Fertigprodukte mit Zusatzstoffen zu kaufen. Was für die Kinder Spaß und Spiel ist, ist so viel mehr. Ist Wertevermittlung und Kontakt mit der Natur; ist Bodenständigkeit und Verständnis für das Leben. Carola Stumpe-Richter weiß: „Man kann nicht alle Kinder dafür begeistern.“ Die aber, die montags zu ihr kommen, sind es. Anders ist die Ruhe und Disziplin kaum zu erklären, mit der sie ihren Aufgaben nachgehen. Rühren und schneiden, mahlen und den alten Damen geduldig den Unterschied zwischen Weizen und Hafer erklären. Und während manche von den leckeren Dingen schwärmen, die sie gekocht haben, mag Sophie etwas ganz anderes am liebsten: „Dass wir nach dem Kochen zusammensitzen und gemeinsam essen.“

Ein Königreich für Kräuter

Verrückt nach Kräutern – die Gründer von Essbare Landschaften: Olaf Schnelle (l.) und Ralf Hiener (r.)

Sie kultivieren Pflanzen, die zu essen früher ganz normal war, die heute aber fast unbekannt sind. Woher haben Sie das Wissen? Das ist über einen langen Zeitraum gewachsen. Schon in meiner Kindheit hat das Gärtnern eine wichtige Rolle gespielt und ich kannte mich mit Pflanzen gut aus. Als 15-Jähriger begann ich mich für Überlebenstraining zu interessieren und habe alles darüber gelesen. Ich stellte fest, dass die Wildpflanzen ganz anders schmecken als das, was man aus dem Supermarkt kennt. Später habe ich Gartenbau studiert und eine Datenbank angelegt über die Nutzbarkeit heimischer Pflanzen.

Manche Menschen würden sagen, Sie handeln mit Unkraut – welche Pflanzen haben Sie salonfähig gemacht? Es gibt ein schlimmes Unkraut, das Gärtner wirklich hassen: den Giersch. Der schmeckt zubereitet aber richtig lecker und verkauft sich deshalb gut. Das Gleiche gilt für die Vogelmiere oder den Waldsauerklee. Bevor wir diese Kräuter angeboten haben, gab es für sie keinen Platz in der Küche. Giersch etwa können Sie verwenden, um Blattsalat mehr Geschmack zu geben oder auch als Gemüse zubereiten.

Was unterscheidet Ihre Kräuter von anderen? Wir verzichten vollständig auf die Vorzucht im Gewächshaus und setzen auf Freilandanbau. Wir bieten damit also Pflanzen an, wie sie in der Natur wachsen. Sie sind deutlich weniger wässrig, haben mehr Inhaltsstoffe und auch das Aroma ist kräftiger, von den Gesundheitsaspekten ganz abgesehen. Außerdem haben wir das Glück, dass die Pflanzen hier in der Region besonders sauber wachsen.

Sie sind Slow Food Mitglied – warum? Wir unterstützen die Haltung und die Prinzipien des Vereins. Auch uns ist es wichtig, ein Bewusstsein für Ernährung, gute und saubere Produkte sowie die Natur zu schaffen und regionale Erzeugnisse zu stärken. Deshalb bieten wir Seminare und Führungen an und schulen Köche.

www.essbare-landschaften.de